Weihnachtsbotschaft 2025 – Appell an Ihrer Solidarität
Liebe Freundlnnen und Verbündete
Gemeinsam geht es besser, deshalb wenden wir uns kurz vor Weihnachten und Winterbeginn an Euch mit der Hoffnung auf Eure Unterstützung für das Engagement und die Projekte von ATD Vierte Welt in der Schweiz.
Wenn wir heute Kindern und Jugendlichen ermöglichen wollen, sich zu entfalten und in Würde zu leben, so ist das ein Bauen an der Zukunft. Bei den Strassenbibliotheken, der Jugenddynamik oder beim „Sprungbrett Engagement“ haben sich unsere Teams zur Aufgabe gemacht, junge Menschen zu begleiten, die von Armut betroffen sind, weil sie selber taglich damit konfrontiert sind oder weil sie gegen die Ungerechtigkeiten kämpfen wollen, die damit verbunden sind.
Schöne Festtage und herzlichen Dank für Eure Grosszügigkeit und treue Begleitung unseres Einsatzes.
Corinne Martin und Claude Hodel, Co-Präsidium
Perry Proellochs, Nationale Delegation
Mit 15 Jahren entdeckte Noélie ATD Vierte Welt, als sie an einem grossen Jugendtreffen im Internationalen Zentrum der Bewegung in Méry-surOise in Frankreich teilnahm. Fast 120 junge Menschen zwischen 13 und 30 Jahren aus 10 europäischen Ländern kamen zusammen, um über die notwendigen Voraussetzungen „für ein Europa, das keinen Jugendlichen zurücklasst“ nachzudenken.1 Drei Jahre später engagiert sich Noélie immer noch für die Bewegung, um „gegen Armut und für eine bessere Welt“ zu kämpfen. Sie beschreibt ihren Weg zum Engagement so:
lch begab mich wirklich ins Unbekannte, ich kannte ATD überhaupt nicht. Was mich reizte, war die Reise nach Paris. Aber was mir in Erinnerung geblieben ist, ist, dass ich mich wohl gefühlt habe. lch habe schöne Erinnerungen und gute Gespräche mit den anderen Teilnehmern gehabt. lch fühlte mich angehört, ohne beurteilt zu werden. lch hatte das Diskussionsthema „Der Blick der anderen“ gewählt. Es hat mir sehr gefallen, Menschen aus anderen Ländern kennenzulernen, wie Spanier, Franzosen und Polen. lch habe von ihnen gelernt, wie sie dort leben. Früher habe ich vor allem die Urteile anderer gefühlt, nicht das Zuhören. ln der Schule zum Beispiel erinnere ich mich daran, dass ich wegen allem und jedem verspottet wurde. lch habe aufgrund eines Sprachproblems, das ich hatte, Mobbing erlebt. lch erinnere mich an den Kindergarten als die schlimmsten Jahre meines Lebens. Es gab immer eine abgetrennte Sitzbank für das Kind, das bestraft wurde. lch musste jeden Tag dort sitzen. Für sie war ich behindert, das hatte die Logopädin gesagt. Meine Eltern haben mehrmals darum gebeten, mich nicht mehr von den anderen auszugrenzen, aber das ging bei einem 0hr rein und zum anderen wieder raus. Es änderte sich nichts. Hatte ich dieses Sprachproblem nicht gehabt, wäre ich nicht gemobbt worden. lch war erst 5 Jahre alt, aber ich erinnere mich noch sehr gut daran: Eines Tages stiess mich ein Kind in den Schlamm.
lch fragte, ob ich mich umziehen dürfe, und die Lehrerin antwortete: „Nein, du bleibst in deinem Schlamm.“
Wenn ich also von Mobbing höre, bin ich empört. Glücklicherweise bin ich dann umgezogen und konnte sprechen, lesen und schreiben lernen.
ATD ist die erste Organisation, die ich kennengelernt habe. Was mich motiviert, ist, gemeinsam mit andern gegen Armut zu kämpfen: Nichtjeder entscheidet sich für diesen Kampf, aber dieses Thema ist mir wichtig. Mit der Jugendgruppe in der Schweiz habe ich die Arbeit über die verborgenen Dimensionen der Armut entdeckt.2 lch habe gelernt, dass Armut eine Anhäufung von Dingen ist, die „Leiden in Körper, Geist und Herz“ auslösen. Auch wenn sie es vielleicht nicht zeigen, kennen alle Menschen, die in Armut leben, dieses Gefühl. Dennoch hört man häufig, dass arme Menschen sich für ihre Situation selbst entschieden haben. lch glaube nicht, dass es eine Entscheidung ist: lch weiss, dass das Leben teuer ist und dass die Blicke der anderen schwer wiegen. Für mich hat das Wort „arm“ also mehrere Dimensionen: arm an Geld, arm an Liebe, arm an Familie…
Jetzt engagiere ich mich bei ATD Vierte Welt, weil wir gegen Armut und Elend kämpfen.
Am Anfang hat mich „Gemeinsam für die Würde aller“ nicht angesprochen. Jetzt spricht es mich an. Bei ATD sind wir alle gemeinsam für dasselbe: Wir kämpfen gegen Armut und für eine bessere Welt.
lch habe meinen Platz gefunden. lch fühle mich engagiert und sage gerne, dass ich bei ATD Vierte Welt bin. lch versuche, mein Bestes zu geben, um mich einzubringen und ldeen zu entwickeln. lch träume davon, dass meine kleine Schwester auch bei der Bewegung ATD mitmacht, denn ich möchte, dass sie versteht, in welcher Welt sie lebt, und sich ihrer Chancen bewusst wird. lch möchte jetzt an der Volksuniversität Vierte Welt teilnehmen. Das würde mich stolz machen, allen sagen zu können: „lch bin an der Universität, um gegen Armut und Elend zu kämpfen.“
Aufgezeichnet von Mada Canavesio, ständige Volontärin bei ATD Vierte Welt
- Für ein Europa, das keinen Jugendlichen zurücklässt, ATD Vierte Welt, 2024 (verfügbar in English und Französisch) unter www.atd.ch/jung-mit-schwung/).
- Die verborgenen Dimensionen der Armut, ATD Vierte Welt und Universität Oxford, 2019 (verfügbar unter www.atd.ch/de/).
„Und ihr jungen Leute, die ihr so dringend nach Gerechtigkeit und Wahrheit verlangt, werdet ihr diesen neuen Weg bahnen, auf dem Gerechtigkeit über Profitmache und Ausbeutung siegt und Frieden den Krieg überwindet, einen Weg, auf dem Gerechtigkeit und Liebe endlich Band in Band gehen?“
– Joseph Wresinski