Treibende Kraft für Veränderungen: das Volontariat
Drei Gesichter des ATD-Engagements: Joana, Simeon und Aurélia / © ATD Vierte Welt
Unsere Generalversammlung 2026 (2. Mai in Treyvaux) bot die Gelegenheit, das Volontariat von ATD Vierte Welt kennenzulernen, mit den Erfahrungen von Simeon Brand, Aurélia Isoz und Joana Jaquemet, insbesondere in Bulgarien, Spanien und der Schweiz. Im Anschluss an ihre Berichte fand ein Austausch mit den Anwesenden statt.
Auszüge notiert von Anne-Claire Brand und François Jomini, ATD-Volontariat
Verbunden durch dasselbe Ideal
Simeon : Wie Joseph Wresinski 1970 sagte: „Der Wert eines Teams liegt in seinem Ideal, in dem, was jedes einzelne seiner Mitglieder in sich trägt. Wenn es dieses Ideal nicht gibt, gibt es auch kein Team. Dann gibt es nur nebeneinander stehende Menschen, die nicht weit kommen werden.“ Dieses Ideal betrachten wir als Volontäre nicht nur als Zukunft. Die Menschen bringen uns dazu, es in der Gegenwart zu leben – in den befreienden Beziehungen, im gemeinsamen Aufbauprozess. Wenn man auf sie zugeht, wird einem bewusst, wie isoliert manche Menschen sind. Um dem entgegenzuwirken, bemühen wir uns, nach und nach einen Ort der Begegnung zu schaffen, Menschen zu motivieren und Brücken zu bauen. Was uns antreibt, ist der Gedanke, dass wir langfristig und gemeinsam mit anderen etwas aufbauen wollen. Und genau das ermöglicht das Volontariat.
Joana : Ich war drei Jahre lang als Volontärin in Treyvaux und Genf tätig. Nach einer einjährigen Auszeit kam ich als Vorantreiberin des „Sprungbretts fürs Engagement‟ (atd.ch/jb2025) zu ATD zurück. Heute engagiere ich mich auch im juristischen Handlungsbereich, was mir sehr am Herzen liegt. Das Projekt Armut – Identität – Gesellschaft und die Baustelle Familien bieten zahlreiche Ansatzpunkte für Veränderungen, auch in rechtlicher Hinsicht. Wenn diese im Sozialwesen umgesetzt werden, wird dies zu konkreten Veränderungen in der Praxis von Institutionen und Fachkräfte führen, mit denen Familien in Armut in Kontakt kommen.
Beziehungen zu den Ärmsten
Aurélia : Vor fünf Jahren bin ich zum ATD-Team in Genf gestossen. Ich wollte in einem von Armut betroffenen Stadtteil vor Ort leben. Diese Gelegenheit bot sich mir im Quartier lesLibellules. Am Anfang war es schwierig, und es hat einige Zeit gedauert, bis ich Kontakte zu den Nachbarn knüpfen konnte. Von Tür zu Tür zu gehen in einem Wohnblock mit über 500 Wohnungen, das ist… beeindruckend. Es gibt so viele isolierte Menschen, die im Dunkeln bleiben! Doch nach und nach haben sich Verbindungen geknüpft – durch Präsenz, durch Nähe, aber auch durch das Festival des arts et des savoirs partagés, eine von ATD ins Leben gerufene Veranstaltung, bei der Begegnungen rund um den Austausch von Fertigkeiten und Talenten im Vordergrund stehen. Diese Initiative hat eine mobilisierende Wirkung, da sie dazu beiträgt, Verbindungen aufzubauen. Mit der Zeit konnte ich mein Engagement als Volontärin bei ATD Vierte Welt teilen.
Simeon : Es war eine Vielzahl von Verbindungen, geprägt von Geschichten und Kämpfen, die mich dazu gebracht haben, mich für das Volontariat zu interessieren. Etwas, das eine Antwort auf mein eigenes Unbehagen in dieser spaltenden und ausgrenzenden Welt bietet. Als langfristiges Engagement ist das Volontariat eine Antwort auf Fragen, die ich mir in Bezug auf mein eigenes Leben stelle, auf meine Suche nach Freiheit, Frieden und Zusammengehörigkeit.
Was Volontariat ausmacht
Aurélia, Joana, Simeon (auf eine Frage aus dem Publikum hin): Was das Volontariat bei ATD ausmacht, ist das langfristige Engagement direkt vor Ort für eine bestimmte Bevölkerungsgruppe, als treibende Kraft für Initiativen und Veränderungen. Wir denken nicht in Kategorien wie Arbeit oder Pflichtenheft, sondern gehen von den entstehenden Beziehungen aus. Mit dem, was wir sind, begegnen wir Menschen, die in Armut leben: mit unserer Persönlichkeit, unserer Ausbildung, unserem Beruf, unseren Anliegen, unseren Idealen… Dabei verstehen wir es nicht als normale Arbeitsstelle: Es sind die Ärmsten, die uns in ihren Dienst nehmen.