Sommerbotschaft 2026 und Spendenaufruf

Festival des arts et des savoirs partagés, Genf 2025 | © ATD Vierte Welt 

Sonnig! 

In dem Viertel, in dem die Tapori-Kinder leben, gibt es viele Hindernisse im Alltag der Menschen. Enge Wege, Bahngleise, Absperrungen, die wegen Bauarbeiten umgangen werden müssen, Wege, auf denen das Schieben der Kinderwagen mühsam ist, was die Mütter völlig fertig macht. Damit muss man sich jeden Tag auseinandersetzen, und genauso verhält es sich mit den Institutionen, mit der Schule der Kinder, mit der Gesellschaft: Immer wieder gibt es Hindernisse, die es zu überwinden gilt!

In diesem Viertel fehlen Räume und Gelegenheiten, die Menschen zusammenbringen und über die Grenzen eines Alltags hinausgehen, der dazu neigt, uns voneinander zu entfernen. Deshalb haben wir dies zu einem der Ziele der Strassenbibliothek und von Tapori gemacht: eine Gruppendynamik zu schaffen, in der sich alle willkommen und respektiert fühlen, vor allem diejenigen, die normalerweise ausgegrenzt werden. Kinder, die herumtoben und schreien, die isoliert sind, die anderswo nie ihren Platz finden. Doch die Herausforderung ist gross, und das, was sie erleben, treibt sie oft in andere Richtungen: sich zu verstecken, sich vor anderen zu schützen, sich zu verschliessen, um nie wieder verletzlich zu sein.

Mit Tapori wollen wir Kinder dazu bewegen, sich für Solidarität einzusetzen – zunächst untereinander als Gruppe, dann mit anderen in ihrem Leben und in der Welt. Aber wenn man ein Kind ist, das noch nie Einfluss auf sein Leben hatte oder nie wählen konnte, ist es schwer, sich das anzueignen, zu glauben, dass man wirklich etwas bewirken kann, dass man eine Rolle spielen kann. Damit wir über die Ungerechtigkeit solcher Hindernisse nachdenken und uns Lösungen ausdenken können, ist es unerlässlich, dass sich die Kinder sicher fühlen und uns ihr Vertrauen schenken. 

Seit einiger Zeit erleben wir Dinge, die uns den Sinn unserer Gruppe wieder bewusst machen. Zum Beispiel ein Spiel, das uns geholfen hat, besser zu verstehen, wie die Kinder die Tapori-Gruppe sehen. Bei dieser Gelegenheit wurde folgende Frage gestellt: „Welche Themen interessieren euch besonders während unserer Treffen?“ Amal antwortete klar und stolz: „Armut!“

Wir haben die Kinder auch gefragt, wie sie sich bei Tapori fühlen. Daniel antwortete, dass er sich dort sehr wohl fühle, was uns… überraschte. Denn Daniel ist vielleicht das Kind in der Gruppe, das am stärksten geprägt ist – von der Schule, von Vorurteilen, von den Blicken der anderen Kinder. Selbst bei Tapori hören wir manchmal ein „Nein, nicht er“, wenn er kommt, oder ein „Er ist komisch“, wenn er von seinem Tag erzählt. Die Kinder spielen nicht so gerne mit ihm. 

Andere Bemerkungen richten sich an Firas, da er oft Schwierigkeiten hat, still zu sitzen und ruhig zu sein, was manche Kinder stört. Aber wenn wir in der Natur sind, schaut er sich das Wasser, die Bäume und die Tiere an. Er geht langsam, um alles in sich aufzunehmen. Er kümmert sich um die anderen, zählt jedes Mal, wie viele wir sind, und lässt niemanden zurück.

Bei einer anderen Gelegenheit haben wir die Kinder gebeten, über die Gefühle zu sprechen, die sie empfinden, wenn sie bei Tapori sind. „Sonnig!“, antwortete Daniel. Sein Wort steht seitdem auf dem Emotionsrad der Gruppe und inspiriert uns weiterhin und gibt Zuversicht.

Daniel, Amal und Firas sind für uns Kinder voller Leben, voller Fantasie, im Mittelpunkt unserer Treffen der TAPORI-Gruppe!

—————–

„Eines Tages wird sich die Welt verändern, weil die Botschaft der Kinder in Not

gehört wird und weil diese ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen werden.

Joseph Wresinski