Sich mit Migranten besser verstehen 

Während die Eltern diskutieren, basteln die Kinder das Viertel der Freundschaft.

Unsere Volksuniversität Vierte Welt widmete sich im März 2026 den Wechselbeziehungen zwischen Migranten und den von Prekarität am stärksten betroffenen Bevölkerungsgruppen in der Schweiz. 

Véronique Martrou, Team Volksuniversität Vierte Welt

„Was kommt mir in den Sinn, wenn ich das Wort Migration höre? Was weiss ich aufgrund meiner Lebenserfahrung über Migranten, über ihr Leben hier und wie sie aufgenommen werden? Was haben wir gemeinsam?‟

Von diesen Fragen ausgehend haben sich Menschen, die Ausgrenzung oder Armut erleben oder erlebt haben, in den lokalen Gruppen vorbereitet. Anschliessend trafen sie sich in Treyvaux, um ihre Überlegungen zu vertiefen – im Austausch mit Marisa Contreras und Marcelo Castro Baldi vom Verein Metis’Arte (https://metisarte.org).   

Um zu verstehen, was eine Begegnung behindern kann, gingen wir von einer Situation aus, die eine Frau in der Vorbereitungsphase schilderte: „Unter den Migranten in meinem Wohnhaus kenne ich eine Person, die kaum Französisch spricht. Ich habe ihr angeboten, ihr die Sprache beizubringen, aber sie will nicht.‟ Wir sollten herausfinden, was hinter dieser Ablehnung steckt, sonst „entsteht eine Barriere“.  

Ein Mann mit Migrationshintergrund nannte Angst als möglichen Grund für diese Ablehnung: 

„Wenn du nicht akzeptiert wirst, lebst du mit Angst.‟ Eine Frau fügte hinzu: „Du glaubst, du bist minderwertig und versteckst dich. Aber wir sind den anderen nicht unterlegen. Wir sind alle gleich.“ Eine andere Frau meinte, es hänge auch mit den Lebensumständen der eingewanderten Person zusammen: „Wer einer anstrengenden Arbeit nachgeht, hat keine Zeit zu lernen.“ Eine weitere merkte an: „Oft braucht es Zeit, um ein Klima des Vertrauens zu schaffen.“

Unsere Gäste pflichteten dem bei: „Ein Mensch, der auswandert, trägt ein eigenes Universum in sich und verfügt über viel Know-how. Man sollte auf das eingehen, was er kennt.“ In Anlehnung an diesen Vorschlag erzählte eine Frau über den Austausch mit einem Brasilianer, der kein Französisch sprach: „Ich habe gemerkt, dass er Gitarre spielte. Also habe ich zu ihm gesagt: Willst du mir das Gitarrenspielen beibringen? Ich bringe dir dafür Französisch bei. Wir tauschen eine Stunde Französisch gegen eine Stunde Gitarre.“

Wir setzten die Diskussion zu einem weiteren Thema fort, das sich aus den Vorbesprechungen ergab: „Für mich bedeutet Migration, aus Liebe eine Sprachbarriere zu überwinden, wie meine Eltern. Aber es gibt Menschen, die gezwungen sind, in ein anderes Land zu ziehen. Wegzugehen, weil man nicht zu Hause bleiben kann, das ist ein grosser Unterschied.“ Für einen Teilnehmer zeigen solche Situationen „die Brutalität der Welt und das Versagen der internationalen Politik“. Er fügte hinzu: „Für diejenigen, die gezwungen waren zu gehen, ist es ein Leid, das tief in ihnen sitzt und von Generation zu Generation übertragen wird.“

Ein weiterer Aspekt wurde hervorgehoben: Eine Auswanderung führt oft zu einem Bruch der familiären Bindungen: „Seine Eltern nicht mehr zu sehen oder nicht zu wissen, wann man seine Familie wiedersehen kann, verändert alles.“

Die Überlegungen führten uns zur Frage nach den Wurzeln, wobei eine Teilnehmerin unsere Gäste so befragte: „Meine Wurzeln liegen in der Schweiz. Meine Schweizer Werte sind mir sehr wichtig. Was sind Ihre Erkenntnisse darüber ? Wie wichtig sind Wurzeln für Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten?“

Daraufhin sprachen Marcelo und Marisa über Identität und bezogen sich dabei auf eine ihrer Aktivitäten: die Gestaltung von besonderen Identitätskarten – auf der einen Seite die offizielle Version, auf der anderen kann man das eintragen, was am besten zu sich passt. Immer wieder zeige diese Übung, dass Identität nicht nur von der Zugehörigkeit zu einem Land oder einer Sprache abhängt: „Die Identität eines Menschen setzt sich aus vielen anderen Dingen zusammen. Sie ist etwas, das sich entwickelt und im Laufe des Lebens verändert.“ 

Daher liegt es auf der Hand: über Etiketten hinaus müssen wir die Menschen kennenlernen. 

Prägende Begegnungen

Die Gespräche in den lokalen Gruppen bieten oft die Gelegenheit, ungeahnte Realitäten zu entdecken und schöne menschliche Begegnungen zu erleben, wie im Fall dieses Teilnehmers, der sehr beeindruckt war von einer Person, die er während der Vorbereitungsphase kennengelernt hatte: „Diese Roma-Frau lebt mit ihrer Familie in Genf. Sie hat es geschafft, sich mit ihren Kindern zu integrieren. Sie hat viel Mut in sich, aber auch eine gewisse Rebellion, weil Menschen ihr gegenüber hart sind. Diese Frau ist eine Kämpferin.“ 

Übersetzung FR-DE : Theres Bärtschi