Resilienz inmitten der Trümmer
Balance-Spiel in einer unausgeglichenen Welt. © Marie Dacheva / ATD Vierte Welt
In Sofia wurde ein Mahala, ein Roma-Viertel, auf Anordnung der Behörden abgerissen, obwohl der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte mit einem Dekret die Zerstörung verboten hatte. Auch wenn die Bewohnerinnen und Bewohner nun obdachlos sind und alles zerstört ist, bleibt der Wille, der Situation standzuhalten, ungebrochen…
Lou Borderie und Simeon Brand, Volontärin und Volontär ATD Vierte Welt
Übersetzung FR-DE: Susanne Privitera
„Es war gegen 5 Uhr morgens, als wir geweckt wurden. Es waren zahlreiche Polizisten erschienen. Sie gaben uns eine Stunde Zeit, um alles zusammenzupacken, was wir mitnehmen konnten. Dann machten die Bulldozer ganz Mahala dem Erdboden gleich – jedes einzelne unserer Häuser.“ So schildert der 37-jährige Vassia, ein Mahala-Bewohner und Vater von drei Kindern, den Tag, an dem das gesamte Wohnviertel zerstört wurde.
Unser Mahala existiert schon seit langer Zeit, möglicherweise seit etwa 100 Jahren. Es wurde nie gesetzlich und offiziell als Siedlungsgebiet anerkannt. Und die städtischen Behörden haben sich immer geweigert, den hier lebenden Familien eine legale Adresse zuzuweisen. Aber hier ist es so: Wenn du in Bulgarien keine behördliche Adresse hast, bekommst du keine Identitätskarte. Und ohne eine Identitätskarte ist es ausgesprochen schwierig, Arbeit zu finden, eine Wohnung zu bekommen, seine Kinder einzuschulen und sich medizinisch versorgen zu lassen.
Wir haben möglicherweise Rechte, selbst wir Mahala-Bewohner müssten welche haben (!), aber es gelingt uns nicht, diese Rechte zugesprochen zu bekommen.
Wir haben nur die Erkenntnis, dass wir täglich kämpfen müssen, um nicht noch weiter in die Verarmung zu geraten – so, wie es stets der Fall war, auch bei unseren Eltern vor uns.
Die Bedrohung, dass das Mahala zerstört werden könnte, bestand bereits seit einigen Jahren. In letzter Zeit wurde sie aber immer konkreter. Die Warnungen waren expliziter geworden. Die Bewohnerinnen und Bewohner bekamen zunehmend Angst… so sehr, dass sie ihre Kinder in ihrer Nähe behielten und sie nicht mehr zur Schule schickten;
so sehr, dass sie sich an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) wandten – mit Erfolg!
Der Abriss des Viertels wurde verboten, solange keine Garantie für eine menschenwürdige Umsiedlung besteht. Und dennoch wurde am 15. April fast alles, was sie hatten, auf Befehl des Bürgermeisters dem Erdboden gleichgemacht und zerstört.
Die Stadtverwaltung wird sie nicht umsiedeln – so wie sie auch jene Familien nicht umgesiedelt hat, die nach der teilweisen Zerstörung des Mahalas im Jahr 2019 einer Notunterkunft zugewiesen wurden. Dort sind sie immer noch…, in dieser vorübergehenden Unterkunft, in der die Lebensbedingungen noch entwürdigender sind als hier. Die Behörden teilten den Familien am Abend des 15. April mit, dass sie inmitten der Trümmer ihrer Häuser in Zelten schlafen könnten. Und seitdem: nichts… Die Bewohnerinnen und Bewohner erleben dies als Ausgrenzung: „Wir haben das überdeutliche Gefühl, dass alles nur so ist, wie es ist, weil wir Roma sind. Und arm“. Heute werden sie, auch wenn sie verzweifelt sind, ums Überleben kämpfen – immer wieder weiter kämpfen.
Und morgen?
Unter diesen extrem schwierigen Bedingungen zeigen die Bewohnerinnen und Bewohner des Mahalas grosse Solidarität. Sie finden immer wieder Unterstützung, manchmal auch von anderen Roma-Gemeinschaften in anderen Stadtteilen von Sofia. Die Hoffnungen richten sich nun auf den EGMR, da sich die Stadtbehörden nicht an das von ihm ausgesprochene Verbot gehalten haben, und auf Institutionen wie die Entwicklungsbank des Europarats.
Lou Borderie und Simeon Brand begleiten die Bewohnerinnen und Bewohner des Mahalas im Alltag und führen dort seit fast drei Jahren eine Strassenbibliothek. Ein Bericht über diese Ereignisse sowie zahlreiche Zeugnisse der Betroffenen sind auf unserer Website www.atd.ch zu finden.