Me mues halt rede mitenand… 

Zeichnung von François Jomini. © ATD Vierte Welt

Und dafür haben wir ein Projekt auf die Beine gestellt: Veranstaltungen, bei denen Menschen mit und ohne Armutserfahrung miteinander ins Gespräch kommen. Es geht um eine Reihe von 12 Dialogen in verschiedenen Regionen der Schweiz, in Kooperation mit Migros-Kulturprozent (s. Nummer 220 unserer Zeitung, Dezember 2024). Wir haben bereits einige Erfahrungen gesammelt. 

Annelise Oeschger, AIG-Valorisierungsgruppe 

Die beiden ersten Dialoge haben bereits stattgefunden: am 7. April in Basel in einem Gemeindezentrum und am 9. Mai in Biel in der Stadtbibliothek. Wir hatten befürchtet, dass nur wenige Menschen kommen würden – und beide Mal haben wir uns getäuscht. So haben 70 resp. 50 Menschen mit den verschiedensten Lebenserfahrungen zweieinhalb Stunden lang miteinander diskutiert und sich nachher bei einem Apéro weiter ausgetauscht. 

Menschen mit Armutserfahrung, die in Basel zum ersten Mal an einer Veranstaltung teilgenommen haben, an der sie gleichberechtigte Gesprächspartner waren, haben nachher gesagt:

„Es war eine sehr gute Erfahrung, dass es für einmal nicht um Hilfe ging, sondern um Austausch“, „So etwas habe ich noch nie erlebt, ich bin bereit für ein nächstes Mal.“ 

Einander besser verstehen 

Wir – das Projektteam, ebenfalls bestehend aus Menschen mit und ohne Armutserfahrung – hatten uns im Vorfeld sehr viele Gedanken darüber gemacht, wie ein solcher Dialog ermöglicht werden kann. Wir hatten noch die einigermassen erschreckende Erfahrung von einer Weiterbildung für Personen im Gesundheitsbereich in den Knochen: Als wir sagten, die Lebenserwartung von Menschen in Armut in der Schweiz sei um einiges niedriger als die durchschnittliche Lebenserwartung, ernteten wir von einigen Teilnehmenden nur ein müdes Lächeln, im Sinn von „das wissen wir schon lange“. Dass hier Menschen sassen, die diese niedrigere Lebenserwartung hatten, die also wohl jünger sterben würden als sie, liessen einige Teilnehmende nicht an sich herankommen. Und es gelang uns auch nicht, in einen Austausch darüber zu kommen. Etwas schon gehört haben und verstehen, was es im Leben der betroffenen Menschen heisst, sind zwei ganz verschiedene Dinge. Und in den Dialogveranstaltungen wollen wir möglichst weit kommen mit diesem tieferen Verstehen. 

Bei den Dialogen sitzen die Teilnehmenden an mehreren Tischen. Rasch ermöglichen verschiedene Aktivitäten, dass man miteinander ins Gespräch kommt. Verraten wollen wir ja hier nicht alles. Aber wir haben zum Beispiel Auszüge aus dem Kapitel „Erkenntnisse“ des Berichts Beziehungen zwischen Institutionen, der Gesellschaft und Menschen in Armut in der Schweiz: eine Gewalterfahrung, die weitergeht (ATD Vierte Welt 2023) auf rund 50 Kärtchen ausgedruckt, mit einer kurzen Hauptaussage oder einem Bild, das bei einer Volksuniversität Vierte Welt geschaffen wurde, auf der Vorderseite und einem erklärenden Text auf der Rückseite. Zum Beispiel „Abqualifizierung von Menschen in Armut durch die Gesellschaft“ – wenn jemand dieses Kärtchen den anderen vorstellt, kommt ein Austausch über Situationen im Alltag zustande, von den verschiedenen Blickwinkeln aus. Und es entstehen Verbindungen zu weiteren Kärtchen, die dann präsentiert und auf dem Tisch angeordnet werden, so wie es den Teilnehmenden passend erscheint. „Was, schon 40 Minuten vorbei ?“, war der Tenor, als nach diesem Austausch über die Kärtchen in Biel die Pause angekündigt wurde. 

Nach der Pause arbeiten wir zu Vorurteilen über Armut und Menschen in Armut in der Schweiz. Und dabei haben viele Teilnehmende ohne persönliche Armutserfahrung entdeckt, wie es sich anfühlen kann, wenn man mit Aussagen wie „die sind selbst schuld“ abgekanzelt wird. Und alle haben erlebt, wie viel einfacher es ist, plakative Sätze auf die anderen niederprasseln zu lassen, als dagegen zu halten. „Menschen in Armut sind ständig gezwungen, sich zu rechtfertigen“, war eine der Erfahrungen. „Es ist viel schwieriger zu erklären, was arm sein in der Schweiz heisst, als einfach mit Allgemeinplätzen um sich zu werfen“ eine andere.  

Unmittelbare und längerfristige Wirkung 

Die Dialog-Veranstaltungen sind ein Laboratorium für gesellschaftlichen Dialog zum Thema Armut in der Schweiz, denn wir tüfteln immer noch daran, welche Formate es am besten ermöglicht, Stereotypen über Menschen in Armut aufzulösen und Vorurteilen nachhaltig entgegenzutreten, Vorurteilen, denen wir alle in unserem täglichen Leben und Engagement begegnen, vom Stammtisch über LehrerInnenzimmer und soziale Dienste bis in die eidgenössischen Räte hinein. 

Die wissenschaftliche Begleitung des Projekts durch Forschende der Berner Fachhochschule und der Fachhochschule Nordwestschweiz hilft uns dabei. Sie wird mit Nachbefragungen auch die Langzeitwirkung solcher Dialog-Veranstaltungen auswerten. Bei diesen beiden Veranstaltungen konnten wir bereits einige unmittelbaren Auswirkungen feststellen. So wie jemand gesagt hat: „Dieser Abend hat mich geprägt, er wird etwas mit mir machen.“ Ermutigend ist auch, dass nach den beiden ersten Dialogen Personen auf uns zugekommen sind, die überlegen, wie sie in ihrem beruflichen Umfeld solche Erfahrungen ermöglichen können, denn „das hätte einen wirklichen Impact auf unsere Handlungsweise und würde unseren Umgang mit armutsbetroffenen Menschen ändern“.