Lehren vom Festival der Künste und des geteilten Wissens


Schöpfen und farbenfrohe Beziehungen knüpfen! © ATD Vierte Welt

Ein fröhlicher Umzug zieht im Rhythmus von Trommeln und Flöten durch das Quartier Les Libellules und markiert den Beginn des Festivals der Künste und des geteilten Wissens, das in diesem Jahr vom 12. bis 16. Juli stattfand.

Dank dieser Veranstaltung entdecke ich eine wichtige Dimension der Partizipation, die das Team von ATD Vierte Welt in Genf leitet: das Wissen der am meisten Ausgegrenzten suchen. Was ist das Ziel? Gemeinsam Wissen aufbauen, indem man die Talente und das Know-how der Menschen im Quartier hervorhebt.

Schon beim ersten Treffen wurde eine Idee für mich zum Kompass für die Zukunft: Die Notwendigkeit, die Beiträge jedes Einzelnen zu suchen. Wie Aurelia, eine ständige Volontärin in Genf, Martine Le Corre1 zitierte, „geht es nicht nur darum, Wissen zu vermitteln, sondern einen Raum zu schaffen, in dem diejenigen, die oft an den Rand gedrängt worden sind, ganz sie selbst sein können. Dieses Festival steht für die Anerkennung aller Formen von Beiträgen, insbesondere von Menschen, die in Armut leben und hier einen Ort finden, an dem sie ihre Erfahrungen austauschen können.

Zu den eindrücklichsten Momenten gehörte für mich die intergenerationelle Übertragung, die einen zentralen Platz einnahm. Die Workshops, echte Knotenpunkte der Kreativität, haben es ermöglicht, starke Verbindungen zwischen den Generationen zu knüpfen. Der Aktivist Jean-Marie leitete beispielsweise eine Gruppe Jugendlicher an, Notizbücher aus Stoffen und wiederverwerteten Materialien zu gestalten, während Muna zehn TeilnehmerInnen die feine Kunst des Faltens von Samosas (mit Gemüse und/oder Fleisch gefüllten Krapfen) beibrachte. Am letzten Tag kneteten Eltern und Kinder gemeinsam den Teig für die Pizza, die bei der Abschlussfeier des Festivals geteilt wurde.

Im Laufe der Tage konnte ich feststellen, dass die Workshops nicht nur kreative Räume sind, sondern auch jedem/jeder Einzelnen die Möglichkeit bieten, seine/ihre Handlungsmacht zu spüren, indem er/sie sich in der Gemeinschaft engagiert. Ein Beispiel für diese Dynamik ist Paco, der zu Beginn des Festivals im Hintergrund blieb, sich mit den Volontärinnen unterhielt und beobachtete. Ich bemerkte, dass er sich Schritt für Schritt einbrachte, sodass er sich bei einem Töpferkurs wohl fühlen konnte, wenn er Jugendliche bei der Herstellung ihrer Kreationen anleitete. Dank dieser Beteiligung konnte er seinerseits Wissen und Gesten weitergeben und gleichzeitig an einem Gemeinschaftswerk teilnehmen. Das geteilte Wissen wird so zu einem Vektor der Selbstfindung und des Handelns, der es den TeilnehmerInnen ermöglicht, einen aktiven Platz in ihrer Gemeinschaft zu finden.

Mir wurde klar, dass das Genfer Team von ATD Vierte Welt die notwendigen Werkzeuge zur Verfügung stellt, um diese Weitergabe zum Leben zu erwecken – aber es ist der Wille der TeilnehmerInnen, der die Erfahrung wirklich prägt. Tag für Tag werden Beziehungen geknüpft, das Engagement wächst und jeder kann sich in dem, was er oder sie weitergeben kann, anerkannt fühlen. Dieser Prozess stärkt nicht nur das Selbstwertgefühl, sondern gibt auch denjenigen, die allzu oft am Rande der Gesellschaft stehen, ein Gefühl der Zugehörigkeit und Würde zurück. Die Schaffung von Räumen für die Weitergabe von Wissen geht über das blosse Teilen hinaus und führt zu einer Dynamik der kollektiven sozialen Veränderung, bei der jeder zu einem gemeinsamen Projekt beiträgt und gleichzeitig seine eigene Identität und seine eigenen Kompetenzen aufwertet.

Aber mehr noch: Das Festival hat meinen Blickwinkel als Verbündete und zukünftige Volontärin verändert. Im Zentrum dieser Veranstaltung zu stehen, hat es mir ermöglicht, mein Verständnis von Armut neu zu definieren und eine neue Perspektive einzunehmen. Die reichen und authentischen Gespräche gaben mir einen Einblick in die täglichen Schwierigkeiten, mit denen diese Familien zu kämpfen haben. Diese Momente des Dialogs haben mir gezeigt, dass Armut nicht nur eine materielle Frage ist, sondern die Würde und die Handlungsfähigkeit berührt. In diesem Raum habe ich durch den Austausch mit den VolontärInnen gelernt, zuzuhören, ohne zu urteilen, und mich den Menschen dort zu nähern, wo sie bereit sind, mich in ihr Leben einzuladen, um eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen.

Das Teilen von Kultur und Kunst auf diesem Festival hat für mich auch eine militante Bedeutung angenommen. Es wird zu einem Vektor des sozialen Wandels, in dem die Kreativität, der Reichtum jedes Einzelnen und die kulturellen Unterschiede geschätzt werden. Es ist eine Einladung, selbstständig zu denken, sich von etablierten Wahrheiten zu emanzipieren und seinen Platz in einer Gemeinschaft zu finden, die den Beitrag jeder und jedes Einzelnen anerkennt und ehrt. Letztendlich hat das Festival gezeigt, dass durch das Zusammenbringen von Menschen mit einem gemeinsamen Ziel – voneinander zu lernen – eine gerechtere Gesellschaft aufgebaut werden kann, in der jeder seinen Platz im sozialen Gefüge, das ihn umgibt, findet.

Lucie Larcher, neue ständige Volontärin von ATD Vierte Welt in Genf

1. Martine Le Corre, Les miens sont ma force, Éditions ATD Quart Monde, 2023 (nur auf Französisch verfügbar)