Grosse Armut, Ökologie und… ÖÜE

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Die kommenden Umweltprobleme werden schwere Auswirkungen auf die Menschen in grosser Armut haben – in der Schweiz wie überall. Auch diese Menschen sind bestrebt, einen bedeutenden und würdevollen Beitrag zu leisten, um einige der Probleme zu vermeiden und um schädliche Folgen zu mindern. Das ökologische Übergangseinkommen (ÖÜE) ermöglicht einen solchen Beitrag und ist vielversprechend.

Interview mit Sophie Swaton, Designerin des ÖÜE und Gründerin der Stiftung Zoein

Eine neue Art, die Verbindung zwischen Ökologie, Arbeit und Sozialem zu betrachten

Mehr denn je stellt die Arbeit einen Faktor der sozialen Integration dar. Das sehen wir bei der Covid-19 Pandemie: Wer will schon monatelang zu Hause bleiben, selbst wenn er oder sie dafür bezahlt wird? Was die Menschen verlangen, auch die in extremer Armut lebenden, ist eine sinnvolle Arbeit, die es ihnen ermöglicht, sich zu entwickeln und sozial eingebunden zu sein. Angesichts des allgemeinen Umwelt- und Klimanotstands ist es umso wichtiger, die Arbeit mit Ökologie zu verbinden. Das ÖÜE schlägt genau vor, diese Anliegen durch die Entwicklung und Schaffung von Arbeitsplätzen zur Unterstützung des ökologischen Übergangs zusammenzuführen. Die Idee ist, Menschen, die sich an diesem Übergang beteiligen wollen, finanziell und/oder durch Schulungen zu unterstützen.

Das ÖÜE ist für alle gedacht

Ein breites Spektrum von Menschen dürfte daran interessiert sein: Menschen in der Umschulung, neu ausgebildete Menschen und solche, die seit langem arbeitslos sind. Auch wenn das ÖÜE zunächst nicht auf die Bekämpfung extremer Armut ausgerichtet war, sollte es es ermöglichen, zu diesem Kampf beizutragen. Und es ist entscheidend, dass Menschen mit Armutserfahrung sich für die Umwelt engagieren können: Sie bringen ein spezifisches Wissen mit, da sie mit Nüchternheit, Recycling und der Suche nach Lösungen in prekären Lebensbedingungen vertraut sind. Ihr Beitrag stellt einen Erfahrungsaustausch dar, ganz im Sinne des von ATD Vierte Welt geförderten Wissen-Kreuzens. Diese Menschen sind einfallsreich, sie finden neue Wege, neue Logiken. Es geht nicht nur um eine Verpflichtung für die Umwelt: Das ÖÜE ermöglicht es, die Sicht auf die Menschen, die in den prekärsten Verhältnissen leben, zu ändern, und vermeiden eine Stigmatisierung, indem es im Rahmen menschenwürdiger Aktivitäten Bevölkerungsgruppen zusammenbringt, die sich sonst nur selten begegnen.

Wie es konkret funktioniert

Das ÖÜE steckt in der Schweiz noch in den Kinderschuhen. Je nachdem, wo Sie leben, werden Sie sich morgen einer ökologischen Übergangsgenossenschaft, einem Verein, einem staatlich geförderten Programm usw. anschliessen können, die sich daran orientieren. Man wird Sie fragen, welche Fähigkeiten Sie haben und was Sie tun wollen, oder sogar, was Sie lernen müssen, um Ihr Projekt beginnen zu können. Wenn es im weitesten Sinne mit Ökologie zu tun hat, können Sie für Ihr Projekt, für Ihre Ausbildung eine Finanzierung erhalten. Natürlich muss Ihr Projekt mit dem übereinstimmen, was die Genossenschaft tut oder tun möchte. Und Sie müssen in der Lage sein, zu diesem Rahmen beizutragen. Die Möglichkeiten sind vielfältig: Kreislaufwirtschaft, Recycling, Sammelstelle, solidarischer Lebensmittelladen, Fahrradreparatur, usw. Ein ÖÜE-Projekt in Frankreich unterstützte eine begabte Zeichnerin in ihrer Ausbildung zur Kunsttherapeutin. Diese beteiligt sich nun an der Gestaltung der Webseite der Genossenschaft, die sie unterstützt hat. Es ist ein Geben und Nehmen: Die Person, die Unterstützung erhält, soll sich nicht verschuldet fühlen und im Gegenzug auch einen Beitrag leisten können. Mehrere Projekte, die noch in Bearbeitung sind, sollen noch dieses Jahr in der französischen Schweiz starten.

Eine Partnerschaft zwischen ATD Vierte Welt und Zoein?

Die Stiftung Zoein (griechisch für „leben“) wurde 2017 gegründet und fördert das ÖÜE in Frankreich und in der Schweiz. Heute arbeitet sie zusammen mit verschiedenen Partnern, die am ökologischen Übergang interessierten sind: mit dem Staat, mit Unternehmen (auch solche dessen Ziel es ist, Arbeitsplätze zu schaffen), Vereinen, der akademischen Welt, Sozialdiensten usw. Doch obwohl Zoein weiss, wie man Projekte entwickelt, Menschen bei der Ausbildung und beim Zugang zu neuen Arbeitsplätzen unterstützt und den Dialog mit Institutionen und Politikern führt, ist es nicht auf extreme Armut spezialisiert. Eine Partnerschaft mit ATD, deren Legitimität voll und ganz anerkannt wird, wäre von grossem Nutzen.

ATD würde in dieses Projekt das Wissen um den täglichen Kampf der von Armut betroffenen Menschen einbringen. Und würde Personen identifizieren, die an einem ÖÜE-Projekt beteiligt sein könnten. Zoein würde sie bei der Ausbildung und beim Zugang zu neuen Berufen unterstützen, sie in Aktivitäten mit ökologischen Auswirkungen einbinden und sie mit Partnerunternehmen und -einrichtungen vernetzen. Wir finden die Idee des Wissen-Kreuzens wieder, die von ATD getragen wird. Dadurch würde ein widerstandsfähiges Ökosystem entstehen, an dem WissenschaftlerInnen, Fachleute, Unternehmen, PolitikerInnen, Vereine und natürlich Menschen mit Armutserfahrungen und ATD beteiligt sind. Eine erfolgsversprechende Partnerschaft für die Umwelt, für alle.

Gespräch bearbeitet von Perry Proellochs,Redakteur ATD Vierte Welt

Übersetzung von Jeannette Thias
Link zur Zoein-Stiftung
Link zu einem Artikel über Sophie Swaton in der Zeitung Le Temps