Für die Kinder eine Zukunft ohne Armut schaffen
Für die Kinder eine Zukunft ohne Armut schaffen: Eltern, Institutionen und Gesellschaft gemeinsam
Baustelle Familien“ , das Projekt „Armut – Identität – Gesellschaft“ und das „Familienporträt über drei Generationen“ : Das sind alles Forschungsarbeiten und Aktionen, die von ATD Vierte Welt rund um das Fortbestehen der Armut von Generation zu Generation durchgeführt wurden. Diese Dynamiken werden nun in einer brandneuen Schweizer Publikation miteinander verknüpft.
„Werden unsere Bemühungen für unsere Kinder das gleiche Elend erleben wie wir?“. Die „Baustelle Familien“, eine von ATD Vierte Welt international durchgeführte partizipative Aktionsforschung, ist rund um diesen Aufschrei von Eltern in grosser Armut entstanden. So haben sich zwischen 2020 und 2023 Eltern, die diesen Aufschrei teilten und in der Schweiz, Frankreich, Belgien, Grossbritannien, Polen, den Niederlanden und Spanien lebten, in kleinen Gruppen mobilisiert. Insgesamt waren es etwas mehr als fünfzig Eltern, zu denen acht Akademiker:innen aus verschiedenen Disziplinen stiessen. Diese waren bereit, ihr Wissen mit demjenigen der Eltern zu kreuzen, um gemeinsam Veränderungen in Betracht zu ziehen und den Mut zu finden, von einer Zukunft ohne Armut für die Kinder zu sprechen.

Welche Veränderungsvorschläge?
Die Ergebnisse dieser Aktionsforschung wurden Ende 2023 diskutiert und in einem europäischen Bericht veröffentlicht. Änderungsvorschläge wurden besonders in zwei Bereichen erarbeitet.
Als erster Hebel für Veränderungen wurde die Notwendigkeit genannt, die Armut und den täglichen Kampf derjenigen, die sie erleben, sichtbar zu machen und gleichzeitig die Folgen ihrer Verschleierung hervorzuheben. Dies sind insbesondere die institutionelle und soziale Misshandlung und das Verkennen des Leidens der in Armut lebenden Menschen. Eine Mutter drückt diesbezüglich aus: „Die Lebensbedingungen unserer Familien werden nicht berücksichtigt. Wir werden nicht als Familien angesehen, die Unterstützung benötigen, sondern als Eltern, die versagt haben.“
Der zweite Hebel für Veränderungen betrifft den rechtlichen Bereich des Kindesschutzes. Die aktuellen Gesetze und Institutionen werden als schädlich wahrgenommen für die grundlegenden Bindungen zwischen einem Kind, seinen Eltern, Geschwistern und den gemeinsamen Wurzeln. Eltern, die von Armut betroffen sind, fordern tiefgreifende kulturelle Veränderungen und Anpassungen der Funktionsweise des Rechtssystems, um die Anerkennung und Durchsetzung ihres Rechts auf den Aufbau einer Familie zu gewährleisten.
Familienporträt
In einer lokalen und parallelen Dynamik zur „Baustelle Familien“ und dem Projekt „Armut – Identität – Gesellschaft“ (AIG) hat ATD Vierte Welt auch das Porträt einer Schweizer Familie über drei Generationen verfasst. Die erste Generation hat fürsorgerische Zwangsmassnahmen erlebt. Der Schwerpunkt lag auf der Beziehung der Familie zu den Institutionen und auf den Fremdplatzierungen.
Man suchte nach einer Antwort auf die Frage des Vaters und Grossvaters : „Das wiederholt sich, warum? Weil wir arbeitslos sind, weil wir kein Geld haben, weil wir Sozialhilfe beziehen, werden wir sofort verurteilt“. Er setzt grosse Hoffnung in seine Tochter, damit sie mit ihren Kindern „diese Endlosschlaufe durchbricht“ dank all ihrer Bemühungen, ihren Kindern trotz der Hindernisse eine bessere Zukunft zu bieten. Sie selbst wählt für diesen Widerstand das Bild einer langen Brücke, die bis zum Horizont reicht: „Ich tue alles, um mich aus der Armut zu befreien, in der ich jetzt lebe. Das ist eine Brücke in die Freiheit. Ich möchte nicht, dass es meinen Kindern so ergeht wie mir. (…) Ich stehe erst am Anfang dieser Brücke, aber Schritt für Schritt werde ich die Freiheit erreichen.“
Nachdem ihre Namen geändert worden waren, gaben alle stolz ihr Einverständnis , ihre Geschichte zu veröffentlichen, mit viel Mut. Sie wollen damit das Leben so vieler Familien in der Schweiz sichtbar zu machen, die täglich und über Generationen hinweg darum kämpfen, dass ihre Rechte und ihre Würde respektiert werden.
Impulse aus dem AIG-Projekt
Die Tatsache, dass sich die Armut von Generation zu Generation wiederholt, stand auch im Mittelpunkt des Forschungsprojekts „Armut – Identität – Gesellschaft“ (AIG), das zwischen 2019 und 2023 in der Schweiz durchgeführt wurde. Es war geprägt von der Absicht, sowohl die Erfahrung von Menschen in Armut als auch das Wissen von Berufspraktiker:innen und Wissenschaftler:innen zu berücksichtigen.
Dieses „Wissen-Kreuzen“ ermöglichte es, Ansätze für Veränderungen zu identifizieren. Dies betrifft insbesondere die Art und Weise, wie das Wissen derjenigen, die in Armut leben, anerkannt wird und wie sie in ihren Interaktionen mit den Institutionen unterstützt werden.
„Für die Kinder eine Zukunft ohne Armut zu schaffen:“ : Dieser ehrgeizige Vorsatz erfordert tiefgreifende institutionelle wie auch gesellschaftliche Veränderungen und verlangt, dass die Eltern als Partner dieser Veränderungen betrachtet werden.
Publikation entdecken:
Für die Kinder eine Zukunft ohne Armut schaffen: Eltern, Institutionen und Gesellschaft gemeinsam
Diese Publikation ist die Schweizer Version des europäischen Berichts zur Forschung „Baustelle Familien“. Sie übernimmt dessen Änderungsvorschläge im Bereich des Kindesschutzes sowie die Beispiele guter Praxis, integriert aber auch die Lösungsansätze, die im Projekt „Armut – Identität – Gesellschaft“ (AIG) erarbeitet wurden. Sie stellt zunächst das „Familienporträt über drei Generationen“ vor.
Das Dokument ist auf Deutsch und Französisch erhältlich. Es kann in Papierform bestellt werden (62 S. CHF 10.- pro Exemplar, zuzüglich Versandkosten).


