Ferien, um einander wieder zu finden
Jeden Herbst und mehrere Male im Jahr können Familien, die durch ausserfamiliäre Unterbringungen, Armut oder Krankheit getrennt sind, gemeinsam Ferien im Haus von Treyvaux erleben. Möglich wird dies durch eine Partnerschaft zwischen ATD Vierte Welt und dem Walliser Verein Vacances Familiales.
Magdalena Brand, Betreuerin, und Verein Vacances familiales / Übersetzung FR–DE: Susanne Privitera
„Hier habe ich zum ersten Mal seit einem Jahr wieder neben meinem Sohn geschlafen.“ Die Aussage dieser Mutter widerspiegelt den Zweck der Familienferien – getrennten Familien die Möglichkeit geben, Kraft zu schöpfen und ihre Beziehungen wieder aufzubauen. Am Anfang der Woche diese Frage: Was brauche ich, um mit anderen zusammen Ferien zu verbringen und mich in einer Gruppe wohlzufühlen? Antworten werden auf einem Plakat festgehalten: Ruhe, Erholung, Schlaf, spielen, lachen, gegenseitige Hilfe, kein Verurteilen, respektvoller Umgang untereinander, meinem Rhythmus entgegenkommen, Verständnis für ein einendes Kind. Kinder, Eltern, Betreuungsteam – wir alle lernen nach und nach, uns in einer unbekannten und zeitlich begrenzten Gemeinschaft zurechtzufinden.
Sich als Familie neu entdecken
Der Tagesablauf wird durch Aktivitäten und Ausflüge gestaltet, die Entspannung, Entdeckungen und Zusammenhalt fördern: Fotoworkshops, gemeinsames Wandgemälde, Töpfern; Waldspaziergänge, Trampolinspringen, Seilbahnfahrten… So entwickelt sich ein Gemeinschaftsleben, in dem Spiele, Kreativität und Gespräche im Vordergrund stehen.
Ein Raum ist der Erstellung von Fotoalben gewidmet, wo Eltern und Kinder die Erinnerungen aus der Ferienwoche sammeln: sie werden ihre weitere Entwicklung und Entfaltung unterstützen. Das Zusammensein verringert die psychische Belastung, welche die Familienmitglieder oft alleine tragen, und stärkt das Sicherheitsgefühl: „Oft fürchte ich mich vor dem Kontakt mit andern, sagt eine Mutter, aber hier stelle ich fest, dass mir die Gemeinschaft guttut.“
Erfahrungen austauschen
In Diskussionsrunden können die Eltern persönliche Erfahrungen austauschen. Ihre Aussagen verdeutlichen, was die Ferien in Treyvaux für sie bedeuten, nämlich Anerkennung, Freundschaft, Freiheit, Unterstützung, Verständnis, Zusammengehörigkeit, Vertrauen, Urteilsfreiheit: „Hier kann ich vollkommen normal sein, ich kann den anderen Eltern meine Situation schildern, ohne mich dabei beurteilt zu fühlen.“ Mosaike entstehen, Herbstmasken nehmen Gestalt an und in „Traum-Schachteln“ werden die Hoffnungen der Kinder aufgefangen. Die Mütter erstellen eine Collage, die ihre „innere Leitfigur» darstellt. Alle finden Raum und Zeit, um ihre Stärken und Träume zum Ausdruck zu bringen: „Übermittlung, Liebe zu meinen Kindern, Lernen“, sagen die Eltern. „Ins All fliegen, bei Mama leben, vom Heim ausziehen, Lehrerin werden, in Frieden leben“, sagen die Kinder.
Beziehungen vertiefen
Und nebenbei entsteht ein weiteres Kunstwerk: eine gute Beziehung. Eine Mutter sagt ihrem Sohn, wie stolz sie auf ihn ist. Eine andere nimmt ihr Kind in die Arme und singt ihm ein Schlaflied vor. Ein Vater nimmt die Hilfe anderer Eltern an. In diesem Ferien-Zeitfenster wachsen Anerkennung und neues Vertrauen: „Ich fand es schön zu sehen, wie das Team meine Kinder respektierte. Das hat uns mit Freude erfüllt und uns Vertrauen für unser Zusammensein gegeben.“ So nehmen Eltern und Kinder positive Gefühle mit: „Dieser Aufenthalt hat mir ermöglicht, wieder zu mir selbst zu finden, Dinge zu tun, die mir Freude bereiten. Meine Kinder konnten Neues entdecken, mit anderen spielen und Ferientage erleben, die ich ihnen allein nie hätte ermöglichen können.“ Das Recht auf Ferien ist nach wie vor ein vergessener Bestandteil des Sozialrechts. Doch es berührt etwas Wesentliches: das Recht auf Freude, auf Erholung sowie auf familiäre und freundschaftliche Beziehungen.
Seit 2010 bietet Vacances Familiales, ein gemeinnütziger Verein mit Sitz im Wallis, jedes Jahr Familienaufenthalte in einer naturnahen Umgebung an, so auch im Haus von Treyvaux. Die Aufenthalte richten sich an Familien mit Kindern, die in Heimen oder Pflegefamilien aufwachsen, oder an Familien, die mit erheblichen sozialpädagogischen Schwierigkeiten zu kämpfen haben.
Der Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Ausübung der Elternschaft zu fördern. Eines seiner Hauptziele ist es, Kindern die Möglichkeit zu bieten, ihre Beziehung zu ihren Eltern zu stärken, und zwar „ausserhalb eines Bewertungssystems und in einem bedingungslosen Betreuungsrahmen“.
Weitere Infos (Französisch) → https://vacances-familiales-valais.ch
