Erinnerung an ein gezeichnetes Leben 

Es ist Samstag der 8. August. Wir, das heisst 21 Teilnehmende der ATD-Regionalgruppe Basel sind unterwegs zu einem besonderen Mahnmal mit 1’000 Schubladen, eine Erinnerung an all die 100’000 Menschen, welche Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen wurden. Die ATD Vierte Welt kennt viele Personen und Familien, deren Geschichten mit einer solchen Massnahme verbunden sind. Einige sind auch unter den Schubladen in der Wanderausstellung des  Luzerner Museums zu finden. So auch Rösli Wirz. Rösli (heute nennt sie sich bewusst Rosalia) wurde 1945 mit 2 Jahren zusammen mit ihrer Schwester in das Kinderheim «Gott hilft» in Dicken eingewiesen. 18 Jahre lang ohne Eltern und den nicht immer einfachen Verhältnissen eines Heimaltages ausgeliefert. Ihr schwieriger Weg vom Kinderheim in eine Leben danach, hat sie in ihrem Büchlein Mein gezeichnetes Leben festgehalten. Rosalia ist nicht die einzige unser Reisegruppe, welche mit einer fürsorgerischen Zwangsmassnahme konfrontiert wurde.  

Die kompetente und sehr einfühlsame Frau, welche uns durch die Ausstellung führte, bietet genügend Raum um einige Geschichten näher kennen zu lernen. Die Betroffenheit und Anteilnahme ist sehr gross und zeigt sich vor allem in der anschliessenden Diskussion, bei dem einige sich dahingehend äusserten, dass sie noch heute mit behördlichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben.  

Für Rosalia ist es ein besonderer Moment, zumal sie ja als Mitwirkende dieser Wanderausstellung zur Vernissage vom 30. Oktober 2025 im Historischen Museum Lausanne eingeladen wurde und es an diesem Tag leider keine Möglichkeit gab, die Wanderausstellung anzusehen. Umso mehr freut sich Rosalia auf den heutigen Besuch im Museum Luzern. Wenn auch mit gemischten Gefühlen, wird sie doch von ihrer leidvollen Zeit im Kinderheim wieder eingeholt.  

Wir verbringen viel Zeit im Raum der Erinnerung, dem eigentlichen Kernstück mit den vielen Schubladen. Die meisten sind verschlossen und mit einem Stigma versehen. Sie stehen für die unerzählten Geschichten: für Menschen, die verstorben sind, und für jene, die aus Scham bis heute schweigen.  

Vor dem Mittagessen werden wir noch in den 1. Stock geführt, zum Ort mit dem Weg der Anerkennung und Aufarbeitung. Ein langer Prozess bis zur offiziellen Entschuldigung von Bundesrätin Simonetta Sommeruga im Jahr 2013 und dem 2017 verabschiedeten Bundesgesetz über die Aufarbeitung der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen, bei dem u.a. auch den Betroffenen ein Solidaritätsbeitrag von Fr. 25’000.—zugesichert wurde.  

Im Nachklang «Ende gut, alles gut?» kommen dann noch einmal Betroffene zu Wort und da erinnere ich mich an den Wunsch von Rosalia, welcher in ihrer Schublade zu finden war:  

Ich wünsche mir, dass Menschen nicht einfach wegschauen, wenn es um Armut geht. Dass sie hinhören – ohne gleich zu urteilen. Dass sie erkennen, wie viel Stärke in einem Leben steckt, das nicht einfach war. Und dass alle die Chance bekommen, dazuzugehören. 

Claude Hodel