Entdeckungsreise durch das lebendige Gedächtnis der Bewegung

Marie-Rachel Sudan, Verbündete von ATD Vierte Welt

Oktober 2020, nach einem Umbruch in meinem Berufsleben werde ich gewissermassen in das Archiv von ATD Vierte Welt katapultiert, in das nationale Zentrum in Treyvaux. Ich habe die Bewegung 2016 durch das Theaterstück „Verborgene Farben“ kennengelernt und mein Interesse ist seither ungebrochen. Mit meinen ersten Schritten in Treyvaux entdecke ich, dass es auch innerhalb der Bewegung viele verborgene Farben gibt. Anders ausgedrückt: Eine Vielzahl verborgener Tätigkeiten sind für das wunderbare menschliche Fresko, das ATD Vierte Welt darstellt, von entscheidender Bedeutung. Im Oktober 2020 begann ich mich als Verbündete der Bewegung zu engagieren und fand mich im Archiv wieder, an der Seite von Marie-Rose Blunschi, die mir die Türen zu diesem farbenfrohen Sammelsurium von Dokumenten öffnete.

Ich weiss nie, worauf ich stossen werde

Anfangs war das Interesse an all dem Papierkram eher mässig. «Na gut, ich werde ein paar rostige Heftklammern durch neue ersetzen», sagte ich mir. Doch dann, als ich jeden Tag mehr und mehr entdeckte, begannen meine Augen vor Staunen und Leidenschaft für diese kleinen Papiere zu funkeln. „Warum?“, werden Sie mich fragen. Nun, ganz einfach, weil ich nie weiss, worauf ich im Laufe des Tages stossen werde: Das reicht von einem handgeschriebenen Brief von Joseph Wresinski bis zu einem Zitat, das mir aus dem Herzen spricht, vom ergreifenden Zeugnis einer Aktivistin, die in den siebziger Jahren Opfer sexueller Misshandlungen wurde, bis zu einem Entwurf von François Jomini zu einem Fresko für den Pistolenmarkt in Genf (siehe unten). Das gibt meinem Engagement als Verbündete von ATD Vierte Welt einen Sinn. Und dann mag ich Forschungsarbeit, weil ich ein wenig damit zu tun hatte – und diese Arbeit ist ein Beitrag zur Forschung in Verbindung mit den Aktivitäten und der Geschichte der Bewegung.

Die Seele der Bewegung

Die Archive von ATD Vierte Welt sind die Seele der Bewegung, ein lebendiges Gedächtnis, das es gewissenhaft zu behandeln gilt. Nach der Phase der Erneuerung der Heftklammern beschreibe ich auf einem Formular kurz die einzelnen Dokumente, die in jedem der unzähligen mir anvertrauten Kartons enthalten sind. Ich liebe das. So kann ich herausfinden, was sich in den Kartons befindet. Und so hinterlasse ich eine Spur, die andere (HistorikerInnen, ForscherInnen usw.) sinnvoll nutzen können. Die Archive werden dann nach Baillet-en-France gebracht, ins Joseph-Wresinski-Zentrum, das Gedächtnis- und Forschungszentrum der internationalen Bewegung ATD Vierte Welt. Dort werden Archive aus der ganzen Welt von Loïc Besnard und seinen MitarbeiterInnen gesammelt und gelagert.

Ich hatte die Gelegenheit, mich im Rahmen einer Schulung, die von Joana Jaquemet, ständige Volontärin, und Eugen Brand, ständiger Volontär, in Treyvaux geleitet wird, mit einem bestimmten Thema näher zu befassen. Es ging um den Pistolenmarkt, eine kulturelle Veranstaltung, die im Mai 1986 im Rahmen des 450. Jahrestags der Reformation in der Altstadt von Genf stattfand. Theater, Essen und Kostüme aus der damaligen Zeit wurden geboten, um die Stadt Calvins im Rhythmus und in der Atmosphäre des 16. Jahrhunderts zu erleben. Bei der Ankunft auf dem Fest tauschten die TeilnehmerInnen ihr Geld gegen Pistolen (eine ursprünglich italienisch-spanische Währung, die sich in ganz Europa verbreitet hatte). Die rund CHF 330’000.-, die dieses Fest einbrachte, wurden für die Einrichtung des Vierte-Welt-Hauses in Genf verwendet. Besonders berührt hat mich der Entwurf zu einem Geschichts-Fresko von François Jomini, den ich in einem Karton mit der Aufschrift „Marché aux Pistoles“ entdeckt hatte.

Der Kontakt mit dem Papier beruhigt mich. Ich finde mich gerne zwischen den Kartons wieder. Ins Archiv zu kommen ist für mich eine Freude. Ich weiss, dass ich für andere nützlich bin, und das motiviert und begeistert mich.

Marie-Rachel Sudan, Verbündete von ATD Vierte Welt