Einweihung der Ausstellung „Versorgt. Verdingt. Vergessen?”

Im Rahmen des Programms „erinnern für morgen“ des Bundes startete am Donnerstag, 30. Oktober, in Lausanne die Wanderausstellung „Versorgt. Verdingt. Vergessen? Geschichte(n) von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen in der Schweiz“. Die Ausstellung wurde mit zwei Reden eröffnet, einer von Beat Jans, Justizminister, und einer von Nelly Schenker, Zeitzeugin. Die Website des Programms „erinnern für morgen“ enthält zahlreiche Informationen und Fotos zur Ausstellung. 

Mit langanhaltendem Applaus würdigten mehr als 300 Personen die Rede von Nelly Schenker, deren vollständigen Text wir im Folgenden veröffentlichen.

Guten Abend

Danke dass Sie mich eingeladen haben, das Wort zu ergreifen im Namen aller Personen, die verletzt worden sind, weil sie eingesperrt, mit Gewalt platziert wurden. Wir sind auch hier, um uns an all jene zu erinnern, die durch diese Ungerechtigkeit und Willkür gestorben sind.

Als kleines Kind hörte ich immer wieder, dass es nichts hat für meine Mutter und mich. Aber ich sah sie doch immer arbeiten. Sie ging in den Wald Holz holen, damit alle im Haus heizen und kochen konnten. Sie reinigte das ganze Haus und machte die ganze Wäsche im Brunnen, auch im Winter, wenn das Wasser gefroren war. Trotzdem waren meine Mutter und ich nur im Keller geduldet. Nach dem Kindergarten wurde ich meiner Mutter weggenommen und in verschiedene Heime gesteckt. 

Dies hat im Ganzen zwanzig Jahre und 3 Monate gedauert. Zwanzig Jahre meines Lebens wurden mir gestohlen.

Mit uns wurde alles gemacht, damit wir die Gesellschaft ja nichts kosten. Dank uns musste eher Geld hereinkommen. Statt in die Schule zu gehen, wurde ich eingesperrt in einem kleinen Zimmer im Chateau de Lully in Estavayer-le-Lac. Dort musste ich den ganzen Tag sticken. In andern Heimen musste ich in der Wäscherei arbeiten und bügeln. Mit 19 Jahren liessen die Guthirt-Schwestern mich in die psychiatrische Klinik Marsens einliefern.

Ich selber habe nie aufgehört meine Freiheit zu suchen. 

Ich lief öfters weg und fand Arbeit mit Kost und Logis. Aber jedes Mal nahm mich die Polizei wieder mit. Wenn man von diesen verschiedenen Heimen in die Freiheit entlassen wird, weiss man so vieles nicht, was man im sozialen Leben braucht. Zum Beispiel hat mir mein Vormund nie eine Identitätskarte gegeben. Ohne Ausweis wird man immer wieder festgenommen und in die Arrestzelle gebracht. Es ist immer der gleiche Ablauf: es werden vier Fotos gemacht und die Fingerabdrücke genommen. Man fühlt sich als Nichts ohne Ausweis.

Als ich anfing meine Geschichte aufzuschreiben, wurden mir die schwierigen und grausamen Momente, die ich erlebt hatte, bewusst. Ich frage mich heute noch: Warum haben sie mich so allein gelassen, wirklich ganz allein? 

Warum diese Verlassenheit und diese schlechte Behandlung? Das frage ich mich jeden Tag.

Am 6. Juni 1977 um 9 Uhr morgens läutete es an unserer Haustür. Ich öffnete. Da standen zwei Polizisten und eine Polizistin und sagten mir, der Bürgermeister schicke sie, weil er mich etwas fragen müsse. So musste ich mit ihnen gehen und die Kleine bei der Polizistin zurücklassen. Ich wusste nicht, dass ich nicht mehr nach Hause zurückkehren würde. Ich konnte mich nicht einmal von meinen Kindern verabschieden.

Die Worte des Bürgermeisters sind bis heute tief in mir geblieben: Sie kommen in die Psychiatrie und die Kinder in ein Heim im Tessin. Wir wissen, dass Sie kein Geld haben, um sie dort zu besuchen. Die Kinder werden Sie sehr schnell vergessen. Ich habe geschrien. 
Sie gaben mir eine Spritze und brachten mich mit Gewalt in die psychiatrische Klinik Littenheid. Mein Mann wurde erst zwei Stunden später informiert, als die Kinder und ich weg waren. Er konnte sich nicht wehren.

Wer gibt ihnen das Recht, uns so zu behandeln?

Was denken die sich dabei, uns solche Grausamkeiten, eine solche Trennung zuzumuten? Es ist wichtig, den Kindern klarzumachen, dass es nicht die Schuld der Eltern ist. Es sind die Behörden, die uns in solche Zustände bringen. Sie haben alles getan, um unser Familienleben zu zerstören, weil sie keine Armen in ihrer Umgebung haben wollen.

Man wird behandelt als unwissende Menschen, als Schwachsinnige. Niemand hat das Recht, das Leben und die Zukunft von Kindern zu zerstören. Es ist eine Pflicht, an ihre Intelligenz zu glauben. Als Mutter habe ich gegen die IV-Rente gekämpft, die man meiner Tochter anhängen wollte. Heute hat diese Tochter einen Master in schulischer Heilpädagogik. 

Wollten sie uns mit dieser Behandlung für unsere Intelligenz bestrafen?

Wenn man uns zuhört und an uns glaubt, ändert sich alles. 1979 wollte man meine Tochter nicht mehr in der Schule haben und ein ständiger Volontär der Bewegung ATD Vierte Welt kam zu uns nach Hause. Das war das allererste Mal, dass mir jemand wirklich zuhörte, ohne mir zu sagen: „Hör auf, du hast genug geredet.“ An diesem Tag habe ich in meinem Leben einen grossen Goldschatz gefunden, den ich zuvor nie gekannt hatte. Ich bin Aktivistin dieser Bewegung geblieben, die dafür kämpft, dass die Ärmsten das Recht haben, auf dieser Erde zu existieren. 1984 schrieben wir das Buch Schweizer ohne Namen, um darauf aufmerksam zu machen, dass es in der Schweiz Armut gibt. Zum Glück vermischte dieses Buch die Erfahrungen der einzelnen Personen. So konnte niemand meine eigene Geschichte erkennen. In diesen Jahren hatten wir noch Angst zu reden. Wir hatten Angst, andere würden behaupten, sie wüssten es besser als wir und uns als Lügner hinstellen.

Heute wissen wir, dass wir weder Lügner noch Schuldige sind, sondern Opfer der Ungerechtigkeiten, die wir erlebt haben. Das Land hat uns gehört, man hat uns geglaubt und wir haben Recht auf Anerkennung und eine Entschuldigung vom Staat erhalten.

Aber es ist noch nicht vorbei. Es gibt immer noch Ungerechtigkeiten. Wir müssen sie erkennen und dagegen kämpfen. Ich habe es nie ertragen können, wenn andere Menschen verachtet wurden. Durch mein langjähriges Mitwirken bei ATD Vierte Welt in Basel hatte ich das Glück, jenische Familien zu besuchen, die in der Nähe von Colmar in Zelten lebten. Wir gingen durch den dunklen, zugefrorenen Wald, aber als wir in der Mitte bei ihnen ankamen, war auf einmal alles hell und klar und sehr friedlich. Als Weihnachtsgeschenk für sie hatte 38 Pullover gestrickt, die brachte ich ihnen mit.

Kämpfen bedeutet in erster Linie auf Menschen zugehen und mit ihnen sprechen, um zu verstehen, was sie erleben.

Mit meinem Buch will ich heute weiter auf Menschen zugehen. Viele sind am Ende einer Lesung zu mir gekommen und haben mir gesagt: das habe ich auch erlebt, ich bin auch ein Verdingkind. Es gibt ihnen Kraft, über ihre Erfahrungen zu sprechen. Und andere beginnen ihnen zu glauben. Es braucht aber Zeit, um den anderen zu verstehen. Ich muss auch den anderen verstehen, der nicht das gleiche erlebt hat wie ich. Um Armut mit den Menschen, die sie erleben, verständlich zu machen, haben wir mit der Bewegung ATD Vierte Welt mehrere Forschungsprojekte durchgeführt. Gemeinsam mit Fachleuten und Wissenschaftlern haben wir versucht, die Gewalt, die wir erlebt haben, und die wir auch heute noch erleben, zu verstehen und zu analysieren.

Mit unserem Erfahrungswissen über Armut wurden wir als Mitforschende ebenso anerkannt wie die anderen Experten.

Gemeinsam haben wir nach Wegen gesucht, damit es sich ändert, damit es nie wieder solche Gewalttaten gibt, weder an Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen noch an älteren Menschen.

Die Ungerechtigkeit muss ein Ende haben.

Dafür brauchen wir die Politik. Aber die Politiker und Politikerinnen brauchen uns, unser Wissen, um gemeinsam nach Lösungen zu suchen und die Ungerechtigkeiten zu überwinden, unter denen Tausende Menschen leiden, die noch immer in der Armut gefangen sind und ihrer Freiheit beraubt werden. Wir haben eine Entschädigung vom Staat erhalten, aber die wirkliche Wiedergutmachung, die zählt, ist, dass sich die Gesetze und die Sichtweise auf uns ändern, damit wir mehr Freiheit gewinnen!