Ein unermüdliches Engagement bei den Kindern
Schatzsuche bei einer Strassenbibliothek . © Marina Arcos / ATD Vierte Welt
Seit über drei Jahren setzt sich Marina in Genf für die Kinder des Stadtteils Châtelaine / Libellules ein – eben jene Kinder, die im Mittelpunkt unserer Sommerbotschaft 2026 stehen. Hier teilt sie uns ihre Erfahrungen und Gedanken näher mit.
Marina Arcos, Volontärin, Team ATD Genf
In einer Gesellschaft, die spaltet, erscheint es fast utopisch, mit Kindern eine Gemeinschaft aufbauen zu wollen. Sie sind nach Stadtvierteln, Wohnblocks und Familien voneinander getrennt. Treffpunkte werden immer seltener. Unser Ziel ist es, diesem Trend entgegenzuwirken und eine Gruppendynamik zu schaffen, in der sich alle willkommen fühlen und einander trotz aller Unterschiede mit Respekt begegnen.
Gutmütigkeit verinnerlichen
In der Strassenbibliothek geht es unter anderem darum, dass die Kinder zu Friedensstiftern im Viertel werden. Sie sind zwischen 2 und 12 Jahre alt. Wir gehen es langsam an. Das geschieht durch Spiele, Worte oder Gesten. Bei Tapori geht es um eine erweiterte Solidarität, die über die Grenzen der Schule, des Stadtviertels und des Landes hinausgeht. Wir fördern Wohlwollen – zunächst innerhalb der Gruppe, dann gegenüber anderen Kindern im Umfeld und in der ganzen Welt.
Das ist kein einfacher Weg, denn der Alltag der Kinder veranlasst sie eher dazu, sich zu verstecken, vor anderen zu schützen und in sich selbst zurückzuziehen. Man muss ihnen wieder Verantwortung übertragen und zeigen, dass das Geschehen in der Gruppe auch von ihnen abhängt. Nur: Wenn man sonst in seinem Leben Selbstbestimmung nicht kennt, ist es schwer, sich diese anzueignen und zu glauben, dass man tatsächlich mitwirken kann.
Dafür zu sorgen, dass sich die Kinder geborgen, geschätzt und zuversichtlich fühlen: Das ist das Bestreben, das uns Tag für Tag antreibt. Aber manchmal frage ich mich: Wie oft muss man Gutmütigkeit erleben, um sie in sein Leben zu integrieren?
Kein ruhiger Fluss
In unserem Einsatz bei den Kindern gibt es manchmal echt schwierige Momente. Verbale und physische Gewalt gehören zu ihrem Alltag. Sie sind es gewohnt, sich so auszudrücken – mit Schlägereien und Beschimpfungen – und unsere Aktivitäten bleiben davon nicht verschont.
Diese Konflikte können sich auch auf die Erwachsenen übertragen. Wegen einer besonders angespannten Situation mussten wir die Strassenbibliothek sogar für einige Wochen einstellen und den Dialog mit den Familien suchen. Manchmal muss man sich trauen, innezuhalten und nachzudenken, bevor die Situation eskaliert…
Immer wieder müssen die Werte, für die wir stehen, neu bekräftigt werden. Wir müssen stets vermitteln, wer wir sind und was wir aufbauen wollen.
Aber gemeinsam schaffen wir das
Nach dreieinhalb Jahren mit den Kindern und deren Familien in diesem Stadtteil halte ich fest: es ist nicht selbstverständlich, die vorhandenen Etiketten loszuwerden; es braucht Zeit, um ein Klima des Vertrauens zu schaffen; aber zum Glück tragen unsere Bemühungen Früchte.
Trotz der Schwierigkeiten erleben wir emotionale und bereichernde Momente, etwa wenn ein Kind – gerade eines von denen, die grosse Schwierigkeiten haben – auf die Frage „Wie ist es dir zu Mute bei Tapori?‟, so antwortet :
„Ich fühle mich strahlend.“
Das geht uns sehr zu Herzen. Da wird uns klar, dass wir auf dem richtigen Weg sind, und wir tanken neuen Mut.
Ich erfahre auch, wie wichtig es ist, Verantwortung zu teilen, auch mit den Kindern, und Verbindungen zu knüpfen: zu den Familien, zur Schule, zur Kinderkrippe und auch zu den Institutionen.
Kein ruhiger Fluss also, nein. Und nichts ist jemals definitiv erreicht. Aber würde alles wie von selbst laufen, wäre ich hier wahrscheinlich selbst fehl am Platz. Gemeinsam etwas zu erreichen, gibt mir Kraft!