Ein junges Paar als Eltern anerkannt – endlich !

Julies Gemälde aus einem ATD-Kreativworkshop. © Noldi Christen / ATD Vierte Welt

Ihr erstes Kind wurde ihnen gleich nach der Geburt entzogen: Da sie damals unter umfassender Beistandschaft standen, wurde ihnen automatisch die elterliche Sorge entzogen. Zwei Jahre später erwarten Julie und Ludo erneut ein Kind und tun alles, um zu vermeiden, dass sich die Geschichte wiederholt. Auch wenn ein Aufenthalt in einer Betreuungseinrichtung als Vorbild für institutionelle Begleitung gilt (siehe Kasten), bleibt es doch eine belastende Zeit. Das junge Paar erzählt uns davon…

Worte von Julie und Ludo, gesammelt von Joana Jaquemet, Team Rechtlicher Handlungsbereich

Keine zwei Wochen vor der Geburt werden wir vom Vorsitzenden der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde KESB empfangen, der uns bittet, uns nach der Geburt in eine Eltern-Kind-Betreuungsstätte namens Parenthèse zu begeben. Wir äussern unsere Bedenken. Unsere Erfahrung mit unserer ersten Tochter ist uns noch immer präsent. Er zeigt Verständnis, rät uns aber dennoch dazu, die Betreuungsstelle aufzusuchen, da dies ihm helfen würde, uns unsere Elternrechte zu lassen.

Julie: Ich gebe meine Zustimmung, sonst wird ja unser Baby platziert. Ludo fällt es schwerer, denn er befürchtet, seine Freiheit zu verlieren, eingesperrt, überwacht und verurteilt zu werden.

Schliesslich erhalten wir den Bescheid der KESB: wir behalten das elterliche Sorgerecht, sofern in der Parenthèse alles gut verläuft. Eine pädagogische Betreuerin wird ernannt.

Wir halten endlich unsere Tochter in den Armen. Wir sind überglücklich, sie unseren Angehörigen zu zeigen, die uns im Spital besuchen.

Julie: Ich habe noch Bedenken, zur Parenthèse zu gehen. Die Angst, verurteilt zu werden, ist sehr gross. Aber Ludo sagt mir: „Schatz, tu es, sonst wirst du es dein Leben lang bereuen‟. Und er verspricht, dass er drei- oder viermal die Woche vorbeikommen wird.

Unsere Angehörigen und die Hebammen unterstützen uns und sagen, dass wir nichts zu befürchten haben und wir mit unserer Tochter alles richtig machen.

Ludo: Wir beschliessen also, gemeinsam hinzugehen. Julie weint, als wir bei der Parenthèse ankommen. Wir sind nicht gezwungen, aber wir haben nicht wirklich die Wahl. Wir wissen, dass uns unsere Tochter ansonsten entzogen wird. Die erste Woche ist nicht einfach, aber letztendlich entscheide ich mich, zu bleiben, da ich Julie nicht allein lassen will.

Und wir haben es geschafft, mit dem Team zu sprechen, und uns unsere Freiheiten zu bewahren. Sie sehen ohnehin, dass wir klar kommen und selbstständig sind. Wir sind die ganze Zeit mit unserer Tochter und gewinnen schnell an Selbstvertrauen. Die Unterkunft ist familiengerecht, gemütlich und es herrscht ein respektvoller Umgang miteinander. Wir werden weder von den anderen Familien noch von den Fachkräften beurteilt.

Nach einem Monat dürfen wir für einige Tage und Nächte pro Woche mit unserer Tochter nach Hause. Uns ist bewusst, Ziel der Einrichtung ist es, dass Eltern wieder nach Hause zurückkehren. 

Anfang 2025, nach zweimonatigem Aufenthalt in der Parenthèse, kehren wir nach Hause zurück. Wir sind glücklich und stolz, wie wir uns durchgesetzt haben. Wir können es kaum fassen,  dass wir für immer mit unserer Tochter zu Hause sein werden! Dieser Ort war eine grosse Unterstützung für uns. Es war der richtige Weg.

Jetzt sind wir selbst für unsere Tochter verantwortlich. Wir haben das  Sorgerecht, die Obhut, alles. Die pädagogische Betreuerin ist nur da, um uns zu begleiten. Seitdem wir zuhause sind, läuft alles super mit unserer Tochter. Die Fachpersonen kommen immer seltener vorbei und wir haben eine gute Beziehung zu ihnen. Wir geben unserer Tochter alles, was sie braucht: Aufmerksamkeit und Liebe.

Übersetzung FR-DE : Kim Klinger

Die Parenthèse als Übergangslösung

Die Betreuungsstätte für Familien Parenthèse befindet sich in Develier (JU). Hier können  beide Elternteile ihre elterlichen Kompetenzen ausbauen. Im Mittelpunkt steht die gesunde Entwicklung der Kinder, mit dem Ziel, dass die Familie wieder nach Hause zurückkehren kann (→ https://lapaj.ch).

Ludo und Julie haben am ATD-Forschungsprojekt Baustelle Familien mitgewirkt, dessen Ergebnisse im Schweizer Bericht Für die Kinder eine Zukunft ohne Armut schaffen: Eltern, Institutionen und Gesellschaft gemeinsam (→ 2025, atd.ch/shop) präsentiert wurden. Die Erfahrung von Julie und Ludo ist ein Beispiel für eine richtige Vorgehensweise, die auch so im Bericht aufgeführt ist.

Das Team Rechtlicher Handlungsbereich von ATD Vierte Welt widmet sich den Rechten der von Armut betroffenen Personen und Familien, insbesondere im Bereich des Jugendschutzes (→ atd.ch/recht).