Die Tapori-Kinder pflegen ihre Freundschaft in Treyvaux

Von Donnerstag, 29. Mai, bis Sonntag, 1. Juni, stand das Haus von Treyvaux ganz im Zeichen eines Tapori-Camps. Spiele, Basteln, Überlegungen zum Tapori-Brief und Ausflüge standen in einer Atmosphäre der Freundschaft und Solidarität auf dem Programm.

Lucie Larcher, ATD Vierte Welt Genf

Vier Tage lang kamen um die vierzig Kinder aus Genf, Yverdon, Rorschach und Treyvaux im nationalen Zentrum Treyvaux zusammen, um gemeinsam ein Tapori-Camp zu erleben. Das Betreuungsteam bestand aus rund zehn Personen, darunter drei Mütter aus Rorschach sowie eine Mutter und ein Vater aus Genf. Sie begleiteten die Kinder während des gesamten Aufenthalts und halfen auch in der Küche mit.

Wir wurden auch von zwei Mitgliedern des internationalen Tapori-Teams unterstützt. Ihre  Anwesenheit ermöglichte es den Erwachsenen, den Umfang der Dynamik in einem grösseren Rahmen zu verstehen. Zur Erinnerung: Das Ziel von Tapori ist es, Kinder im Alter von 6 bis 12 Jahren aus verschiedenen Kulturen und sozialen Milieus weltweit zusammenzubringen, damit sie gemeinsam über eine gerechtere Welt nachdenken, mitreden und etwas dafür tun können.

Die Kinder konnten verschiedene Aktivitäten ausprobieren: Gemeinschafts- und Kooperationsspiele, Schatzsuche, Basteln von Modellen für ein Zuhause, Entdecken eines Bauernhofs im Dorf, Basketball… Ausserdem sahen sie gemeinsam einen Film an und sangen beim Karaoke. Jeden Morgen wurde eine Gesprächsrunde zum Tapori-Brief Nr. 450 von Tapori zum Thema „Aporophobie“ (siehe Infobox) abgehalten. Wir lasen die Geschichte von Clara, einem jungen Mädchen aus Madrid, und setzten uns mit ihrer Lebensrealität auseinander. Dabei versuchten wir, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu finden, die jeden von uns berührten. Ein „World Café” wurde organisiert: Jede lokale Gruppe stellte eine Frage zum Brief von Clara, was den Austausch unter den Kindern förderte. Am letzten Tag haben wir gemeinsam über konkrete Massnahmen nachgedacht, die umgesetzt werden können, um Diskriminierung aufgrund von Aporophobie zu bekämpfen.

Einer der Höhepunkte des Camps war der Ausflug nach Bern. Mit Unterstützung der beiden ständigen Volontärinnen, die in der Stadt leben, wurde eine „Schnitzeljagd” organisiert, damit die Tapori-Kinder die Schweizer Hauptstadt entdecken konnten. Die meisten von ihnen waren zum ersten Mal dort. Aufgeteilt in sechs Teams, die jeweils einen Buchstaben des Wortes TAPORI repräsentierten, begannen die Kinder ihre Tour mit einem Foto des Bundeshauses. Sie fragten Passanten in verschiedenen Sprachen Deutsch, Englisch, Französisch – nach dem Weg zu diesem Gebäude. Sobald alle Teams es gefunden hatten, musste ein Foto vor dem Bundeshaus gemacht werden, auf dem das Wort TAPORI zu sehen war, um zur nächsten Etappe zu gelangen. Auf diese Weise wurde die Stadt gemeinsam entdeckt, da die Teams aufeinander warten mussten, um weiterzukommen. Das Spiel führte uns – Erwachsene und Kinder gemeinsam – zu verschiedenen bedeutenden Orten der Stadt: zum Zytglogge Turm, zum Kindlifresserbrunnen, zum Zähringerdenkmal und zur Entstehungsgeschichte der Stadt Bern, zum Bärenpark und schliesslich zum Rosengarten.

Trotz der Sprachbarriere und der anfänglichen Scheu kam es zwischen den Kindern der verschiedenen Tapori-Gruppen zu vielen geselligen Momenten. Beispielsweise tanzten sie am letzten Abend gemeinsam zu traditionellen Musikstücken aus ihren Ländern. Aber es gab auch Momente grosser Solidarität, wie zum Beispiel, als ein Mädchen aus Rorschach einem kleinen Jungen aus Treyvaux half, einen Hügel hinaufzuklettern, oder als die Jungs aus Genf einen Buben aus Rorschach in ihrem Zimmer aufnahmen.

Nach diesen vier Tagen hatten sie enge Bindungen aufgebaut, was bei der anschliessenden Auswertung durch die Kinder sehr deutlich zum Ausdruck kam: Alle sagten, sie hätten neue Freunde gefunden und seien sehr stolz darauf, mit neuen Wörtern in Deutsch, Französisch, Englisch und sogar Tigrigna im Gepäck nach Hause zu fahren. (Übersetzung FR-DE: Petra Lackner)

Der Tapori-Brief

Derzeit gibt es etwa 40 Tapori-Gruppen in 18 Ländern in Afrika, Amerika und Europa. Die Kinder stehen über den Tapori-Brief in Kontakt, der in fünf Sprachen (Französisch, Englisch, Spanisch, Deutsch und Niederländisch) erscheint.

Alle zwei Monate wird in einem Brief ein Thema vorgeschlagen, das in der Gruppe bearbeitet werden soll. Die darin enthaltene Geschichte ermöglicht es den Kindern, ihre eigenen Erfahrungen mit denen anderer Kinder zu vergleichen – sowohl mit denen aus ihrer Gruppe als auch mit denen von Kindern aus aller Welt. Im Tapori-Brief 450 geht es um Aporophobie: die Angst vor oder sogar Feindseligkeit gegenüber Menschen „ohne Ressourcen” (griechisch aporos). Clara, ein Kind aus Madrid, das täglich in prekären Verhältnissen lebt, drückt darin ihre Gefühle aus. Hier ein kurzer Auszug:

In unserem Quartier schauen uns einige Leute komisch an. Einmal in einem Laden hörte ich wie eine Frau sagte: Mit diesen Leuten hat man immer Probleme. Ich habe mich schnell hinter meiner Mutter versteckt, am liebsten wäre ich in den Boden versunken. (…) In unserer Schule machen sich einige lustig über mich, reden schlecht von meiner Familie und meinem Quartier. Dann werde ich aggressiv, schlage zu, weil ich das Gefühl habe, ich müsse meine Familie verteidigen. Aber das hilft nichts, denn nun lachen sie noch mehr und das bringt mich in noch grössere Wut. Dabei möchte ich doch gerne wissen, warum sie das tun, warum man uns so behandelt, so beleidigt, ohne uns zu kennen.

Weitere Infos:
• Tapori Freundschaftsbewegung, inkl. Tapori-Briefe: -> atd.ch\Tapori-Kinder
• Tapori-Netzwerk: www.tapori.org (Französisch, Englisch und Spanisch)