Die Bitte um Entschuldigung erforderte eine Antwort

Das Plakat auf Deutsch ist in Vorbereitung.

Versorgt. Verdingt. Vergessen? Die nationale Ausstellung über „fürsorgerische” Zwangsmassnahmen  wandert bald über das Land. Sie beleuchtet begangenes Unrecht, das vom Bundesrat offiziell anerkannt worden ist und lädt das Publikum ein, sich mit einer Vergangenheit auseinanderzusetzen, die auch für die Gegenwart und Zukunft relevant ist. Vernissage Ende Oktober in Lausanne.

Anne-Claire Brand, ATD-Vertreterin im Beirat des Programms ‘erinnern für morgen’

Sie wurden in Heimen, Pflegefamilien und landwirtschaftlichen Betrieben platziert oder in Anstalten „versorgt”, dabei ihrer Grundrechte beraubt und der Willkür der Behörden ausgesetzt. Kinder, Jugendliche, Erwachsene… Viele von ihnen wurden ausgebeutet und manche waren Opfer von Gewalt. Die Wanderausstellung Versorgt. Verdingt. Vergessen? dokumentiert diese Lebensgeschichten und auch den unermesslichen Mut jener Menschen, denen dieses Unrecht angetan wurde.

Jean-Marc Schafer, dessen Geschichte 2018 im Dokumentarfilm Was ist aus uns geworden erzählt wurde (siehe Kasten), ist einer dieser Zeitzeugen. Ich traf ihn im letzten Mai auf dem Campingplatz, wo er lebt, und wir fragten uns, was diese Ausstellung bedeutet. Er lud mich zu einem Innehalten ein. Stille, Zuhören, Verstehenwollen meinerseits. „Entschuldigung trifft dich. Es ist nicht einfach, einen Menschen um Entschuldigung zu bitten. Das ist eine ziemliche Verantwortung. Ich habe darauf geantwortet, indem ich zugestimmt habe, den Film zu machen. Es war mir wichtig, die richtigen Worten zu finden, um das Erlebte zu beschreiben und damit anderen zu helfen, ihr Schweigen zu brechen.

Im Rahmen des umfangreichen Programms „erinnern für morgen“ ruft der Bund die Gesellschaft auf zu einer Erinnerungs- und Reflexionsarbeit. Ein wesentlicher Bestandteil dieses Programms ist die Wanderausstellung. Deren Herz bildet ein Mahnmal, bestehend aus tausend Schubladen. Sie stehen für die mehr als 100’000 Menschen, denen die Zwangsmassnahmen auferlegt wurden. Hundert Schubladen kann man öffnen – dank den Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die darin ihre Geschichte, ihren täglichen Kampf und ihre Gedanken dazu teilen. Viele von ihnen, wie Jean-Marc, haben innerhalb der Bewegung ein Bewusstsein für das eigene Wissen und für einen gemeinsamen Kampf aufgebaut. Dieser Teil der Ausstellung gibt auch Einblick in die verschiedenen wissenschaftlichen Forschungsarbeiten, über die Strukturen und Mechanismen, welche zu diesem Unrecht geführt haben.

Das „Forum-Kapitelder Ausstellung stellt eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart her und eröffnet Perspektiven. Er ist ein Ort des Dialogs über die Themen Verantwortung und Wiedergutmachung, aber auch über das Spannungsfeld zwischen Fürsorge, Zwang und Armut. Welche Folgen haben die Zwangsmassnahmen für Betroffene? Lässt sich das vergangene Unrecht wieder gut machen? Was können wir aus der Geschichte lernen, und was können wir in unseren Gesetzen sowie an unseren Praktiken ändern, damit sich so etwas nicht wiederholt? 

Etwas mehr als zwei Jahre lang wird die Ausstellung Versorgt. Verdingt. Vergessen? durch die ganze Schweiz wandern, mit einer ersten Etappe im Musée Historique in Lausanne. Die Vernissage findet am 30. Oktober statt und wird  eingeführt von Bundesrat Beat Jans und Nelly Schenker als Zeitzeugin – eine Zeit, in der Vergebung und Streben nach Mitverantwortung zum Kompass der Demokratie werden.

Übersetzung FR-DE: Theres Bärtschi

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erinnern für morgen“: Dieses vom Bund ins Leben gerufene Vermittlungs- und Sensibilisierungsprogramm umfasst verschiedene Bereiche: Lehrmaterial, Veranstaltungen, Ausstellungen… Darüber hinaus wird in Kürze eine gleichnamige Online-Plattform aufgeschaltet, auf der zahlreiche Dokumente, Informationen und Forschungsergebnisse zusammengetragen werden.

Jean-Marc Schafer erlebte als Kind Fremdplatzierungen in Heimen und bei Bauern. Er ist einer der Menschen, denen Siméon Brand, ständiger Volontär bei ATD Vierte Welt das Wort gibt im Dokumentarfilm-Projekt Was ist aus uns geworden (s. Dokumentation auf der ATD-Website -> Dokumentarfilme)

Nelly Schenker wurde Anfang der 1950er Jahre in einem Kinderheim platziert. Da sie in Armut lebte, durfte sie nicht zur Schule gehen. In einem Buch schildert sie ihren Kampf gegen die Ausgrenzung (Es langs, langs Warteli für e goldigs Nüteli, edition Gesowip, 2015, s. ATD-Webseite -> Shop).

Die Ausstellung Versorgt, verdingt, vergessen? ist in vier Sprachen (Französisch, Deutsch, Italienisch und Englisch), ebenso die Broschüre, die den Besuchern mitgegeben wird. Nach dem Start in Lausanne wird sie über zwei Jahre lang durch das Land reisen. Der Zeitplan sieht wie folgt aus:

• 30. Oktober: Vernissage (auf Einladung)
• 31. Oktober – März 2026 : Musée Historique Lausanne
• April – Oktober 2026 : Museum Luzern
• Dezember 2026 – Mai 2027 : Museum Allerheiligen Schaffhausen
• Mai – Oktober 2027 : Castelgrande Bellinzona
• November 2027 – Februar 2028 : Kornhausforum Bern