Als Gentlemen durchs Leben gehen

Von den Schülern der OS Belliard präsentierte Projektarbeiten

Im Rahmen eines kantonsgeförderten interdisziplinären Projekts haben sich SchülerInnen der 11. Klasse der Orientierungsschulen (OS) Belluard und Jolimont in Freiburg am 15. Oktober und 17. Dezember 2021 mit ehemaligen Pflegekindern getroffen, die durch fürsorgerische Zwangsmassnahmen fremdplatziert wurden. Nicolas Reynaud, ehemaliges Pflegekind und nun Mitglied des Vereins Agir pour la Dignité ist die treibende Kraft hinter diesem Erinnerungsdialog und hat mich als Co-Präsidentin von ATD Vierte Welt Schweiz gebeten, diese beiden besonderen Tage zu begleiten.

Ein Moment der die Sichtweise der SchülerInnen nachhaltig prägen wird

Meine Aufgabe besteht darin, eine Brücke zwischen den Zeugenaussagen und dem Kampf für Kinder- und Menschenrechte zu schlagen und die Jugendlichen in ihre Rolle als BürgerInnen zu versetzen. Abwechselnd und mit grosser Kraft teilen Alain Meylan, Daniel Pittet, Marius Michaud und Betty Monnier ihre Kindheitserlebnisse. Ich habe das Gefühl, einem Moment beizuwohnen, der die Sichtweise der SchülerInnen nachhaltig prägen wird: Die direkte Art und Weise, wie die RednerInnen sie ansprechen, ohne Heuchelei oder Selbstmitleid, ihre Offenheit gegenüber jungen Menschen, ihre hoffnungsvollen Worte, die umso eindrücklicher sind, als sie von Menschen kommen, die das Schlimmste in ihrer Kindheit erlebt haben. Andererseits ist die Fähigkeit der SchülerInnen zuzuhören bemerkenswert, die Blicke aufmerksam und gerührt.

Betty, Alain, Daniel und Marius befinden sich in einer legitimen Position, um mit Jugendlichen über Probleme wie Gewalt, sexuellen Missbrauch, Kriminalität oder die Stärkung von Frauen diskutieren zu können. So viel hat sie das Leben gelehrt! Betty hat eine besondere Art, über die Bühne zu schreiten. Sie sagt: „Mädchen, lasst euch nicht auf der Nase herumtanzen! Ihr könnt es schaffen!“. Marius ist über 80 Jahre alt und traut sich zum ersten Mal, die Stimme zu erheben. Daniel betont, dass man bei Missbrauch „nie allein“ sei und dass man verzeihen können müsse. Alain ermutigt sie schliesslich dazu, „als Gentlemen durchs Leben zu gehen“. Ihre Botschaft beinhaltet einen humanistischen Geist und ist von hohem spirituellen Gehalt. Keiner von ihnen verbirgt seine auch heute noch vorhandenen seelischen Lasten, und doch strahlen sie alle ein grosses Vertrauen in das Leben aus. Alle vier haben aus ihrer gestohlenen Kindheit die Kraft geschöpft, dafür zu kämpfen, dass sich ihre Geschichte nicht wiederholen möge. Sie berichten ihren ZuhörerInnen auf Augen- und Herzenshöhe davon. Nach den Erzählungen stellen die SchülerInnen nachdenkliche und sensible Fragen, darunter die weit gefasste Frage: „Sind Sie aktuell glücklich?“.

Hélène Cassignol, Co-Präsidentin von ATD Vierte Welt

Bericht einer Lehrkraft

In der Orientierungsschule Belluard hatten die SchülerInnen im Rahmen einer Themenwoche, die Pflegekindern gewidmet war, die Möglichkeit, das Thema zu vertiefen und verschiedene Projektarbeiten hervorzubringen, welche zu einer einzigartigen Ausstellung zusammengefügt wurden (Porträts, aufgezeichnete Lesungen, Bild- und Raumgestaltung usw.).

Diese Themenwoche war für mich eine sehr schöne Erfahrung. Ich hatte nie zuvor die Gelegenheit, mich in dieses so wichtige Thema einzuarbeiten. Es war auch eine Premiere für die Schule und dies erforderte eine ernsthafte Vorbereitungsarbeit. Wir fragten uns, ob die SchülerInnen berührt sein würden. Aber sobald die Arbeit in der Klasse begann, sog sie die Geschichte förmlich auf. Ihnen Lebensgeschichten nahezubringen ist etwas anderes als klassische Wissensvermittlung, und dies hat eine echte Dynamik entwickelt. Die SchülerInnen waren beeindruckt und stolz darauf, den Zeitzeugen ihre Arbeiten zu präsentieren. Seitdem denke ich oft daran zurück.

Laurent Estoppey, Lehrer für Französisch und Geschichte

Worte eines Direktors

Ich war erstaunt über die Aufmerksamkeit der Schüler am Tag der Präsentation. Man kann die Ereignisse im Unterricht noch so gut erklären, die Zeitzeugen haben eine ganz andere Wirkung. Den Menschen ein Gesicht zu geben und ihre Erzählungen zu hören, berührt viel mehr. Es wird einem bewusst, dass diese Geschichte nicht nur einen Platz in den Schulbüchern hat, sondern lebendig ist: Die ehemaligen Pflegekinder, das war gestern. Beeindruckend ist, und das hat mich auch beeindruckt, wie jeder von ihnen sein weiteres Leben gelebt hat: Sie haben sich nicht unterkriegen lassen, sie haben einen unglaublichen Charakter bewiesen. Ausserdem habe ich noch nie so viele Anfragen von Schülern zu einem Buch bekommen wie zu dem von Daniel Pittet*. Selbst zehn Tage später kamen sie noch, um es bei mir einzufordern. Die SchülerInnen hatten das Bedürfnis und den Wunsch, Zugang zu diesem Buch zu haben, so etwas habe ich noch nie erlebt. Obwohl es nicht einfach ist, sie zum Lesen zu bringen, kamen sie freiwillig. Für mich ist das symptomatisch für die Wirkung, die dieser Tag gehabt hat.

Stéphane Mettler, Direktor der OS Jolimont

* Daniel Pittet, Pater, ich vergebe Euch! Missbraucht, aber nicht zerbrochen, Herder-Verlag

Die Website des Vereins Agir pour la Dignité bietet zahlreiche Informationen zum Thema „Gestohlene Kindheit“.