Akteur der eigenen Gesundheit sein 

Urs Kehl, Autor des Gemäldes, erklärt: „Ein 45-jähriger Gastarbeiter mit einem bescheidenen Gehalt beschädigte sich die Füsse, weil er seinen Diabetes nicht mehr behandelte. Sein Selbstbehalt bei der Krankenkasse lag bei 2‘500.- Franken. Trotz intensiver Pflegebemühungen von fast einem Jahr sind heute drei Zehen abgetrennt.“ © ATD Vierte Welt

Am Samstag, den 15. März 2025, fand im Haus von Treyvaux eine Volksuniversität der Vierten Welt zum Thema „Akteur der eigenen Gesundheit sein“ statt. Zahlreiche Aktivisten und Aktivistinnen aus dem ganzen Land nahmen teil und konnten ihre Erfahrungen austauschen. Daraus ging hervor, dass jede und jeder auf seine Weise für seine Gesundheit sorgt. 

Camille Jacot, Verbündete ATD Vierte Welt und Co-Leiterin der Volksuniversität 

Übersetzung FR-DE: Petra Lackner

Die Aktivisten und Aktivistinnen aus verschiedenen Regionen der Schweiz hatten sich zuvor in kleinen Gruppen in Bulle, Genf, Basel, La Chaux-de-Fonds und Freiburg vorbereitet und darüber nachgedacht, wie sie sich um ihre Gesundheit kümmern, welche Erfahrungen sie mit dem Gesundheitssystem gemacht haben und was ihre Gesundheit fördert oder ihr schadet. Am Samstag, dem 15. März, war es dann soweit: Wir kamen im nationalen Zentrum in Treyvaux zusammen, um dort unsere Volksuniversität abzuhalten. Wir waren etwa 50 Personen, die ihre Köpfe zusammensteckten, um Wissen zum Thema Gesundheit zusammenzutragen – ausgehend von den Erfahrungen derjenigen, die unter prekären Bedingungen leben. Dabei wurden wir von zwei eingeladenen Fachpersonen unterstützt: Caroline Henchoz und Tristan Coste, Professorin bzw. Forschungsbeauftragter an der Hochschule für Soziale Arbeit und Gesundheit Lausanne.   

Im Laufe der Veranstaltung wurden die folgenden Hauptaspekte hervorgehoben: 

Die Unterstützung durch das Umfeld trägt zur Gesundheit bei. „Das Wichtigste, wenn man Probleme hat, ist, dass man sich auf seine Familie und Freunde verlassen kann. Alleine ist es sehr schwer, wieder auf die Beine zu kommen.“ Neben der gegenseitigen Unterstützung ist es auch wichtig, Ziele im Leben zu haben: „Ich setze mir Ziele und stelle mich Herausforderungen, denn ich möchte nicht, dass die Krankheit mein Leben bestimmt. Das hilft, zu kämpfen und nicht aufzugeben.“

Für viele ist es auch wichtig, sich psychisch wohlzufühlen: „Wenn es mit der psychischen Gesundheit nicht stimmt, stimmt auch der Rest nicht. ” Gemütszustand und körperliche Gesundheit gehören zusammen: „Wenn man nicht gut drauf ist, ist es viel schwieriger, sich in Behandlung zu begeben, weil man sich nicht einmal traut, um Hilfe zu bitten oder über seine Sorgen zu sprechen.“

Aber die Gesundheit hängt nicht nur von der persönlichen Einstellung ab, wie diese Aktivistin sagt: „Ich kann Gemüse essen und mich bemühen, aber meine Kindheit hinterlässt Spuren.“

Unsere Gäste haben es betont: Ihren Forschungen zufolge hat das Umfeld einen grossen Einfluss auf die Gesundheit der Menschen: „Menschen in prekären Situationen haben nicht die gleichen Chancen und Rechte. Der Gesundheitszustand einer Person hängt zu 60% von den sozialen Umständen ab.“

Die AktivistInnen sprachen darüber, was in ihrem Fall entscheidend war (ein Malkurs, eine Therapeutin usw.) und welche Hindernisse sie überwinden müssen. Der erschwerte Zugang zur Gesundheitsversorgung ist ein solches Hindernis, insbesondere in Verbindung mit Versicherungen: „Das Problem ist, dass man, sobald man eine Krankheit hat, keine Zusatzversicherung mehr bekommt.“

Insbesondere wurde die Zahnbehandlung angesprochen, die nicht von der Grundversicherung übernommen wird und zu diesen Ungleichheiten beiträgt: „Ich habe beim Zahnarzt angerufen, um einen Termin zu vereinbaren, und man sagte mir, da ich IV-versichert sei und unter Beistandschaft stehe, müsse ich zuerst eine Kostengutsprache von der IV und meiner Beiständin haben. Sonst würden sie mich nicht behandeln. Und jetzt ist meine Beiständin im Urlaub. Bis sie zurückkommt, werde ich nun Zahnschmerzen haben.“

Diese Chancenungleichheit wird von unserem Gast, der über Verschuldung und Gesundheit geforscht hat, bestätigt: „Das Schweizer Gesundheitssystem ist zwar in mancher Hinsicht sehr gut, hat aber ein grosses Problem: Die Kosten, die man aus eigener Tasche bezahlen muss, sind sehr hoch.“ 

Zum Abschluss der Volksuniversität wurden Verbesserungsmöglichkeiten erkundet und verschiedene Lösungsansätze genannt, insbesondere die Wichtigkeit der Prävention: „Ich bin für Prävention statt Heilung. Denn wenn die Krankheit erst einmal ausgebrochen ist, kostet es doppelt so viel, die Menschen wieder auf die Beine zu bringen.“

Oder die Möglichkeit, echte Entscheidungen zu treffen, wie der Gast sagt: „Meiner Meinung nach sollte eine Entscheidung nicht erst beim Arzt getroffen werden, sondern im Vorfeld, und auf der Grundlage klarer Informationen, wenn man weiss, worauf man Anspruch hat.“ 

Oder auch die Notwendigkeit einer umfassenden Betreuung: „Auf medizinischer Ebene wird eine kleine Verletzung behandelt, aber man achtet nicht auf die innere Blutung.“

Gesundheit ist ein Ganzes – und dies soll unsere Schlussfolgerung zum Nachdenken sein: „Wir sind keine Maschinen! Es reicht nicht aus, ein Teil zu ersetzen, wenn man nicht den Menschen als Ganzes betrachtet.“